Selbstbefreiung vom totalitären Islam

29. Juli 2005, 15:48
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Den jungen Muslimen in Europa muss die Möglichkeit gegeben werden, sich zu emanzipieren - Kolumne von Hans Rauscher

Vor einigen Monaten hielten 160 österreichische Imame eine von den Medien nicht übermäßig beachtete Konferenz in Wien ab, deren Schlusserklärung eine relativ starke Absage an den radikalen Islam darstellte. Gleichzeitig wussten Leute, die sich auch nur oberflächlich mit dem Innenleben der muslimischen Gemeinde(n) in Österreich beschäftigten, dass es Moscheen gibt, in denen radikal gepredigt wird (der Falter war die einzige Zeitung, die einen Reporter in eine solche Moschee schickte und sich einen entsprechenden Sermon übersetzen ließ).

Inzwischen sind Madrid und London passiert und langsam dämmert es auch den heimischen Eliten, dass man von unseren Muslimen so gut wie nichts weiß. Wie immer im Obrigkeitsstaat Österreich erhebt sich sofort der Ruf nach "Überwachung" von Moscheen, in denen Hassprediger tätig sind. Eine "Moschee" kann auch ein simpler Kellerraum oder eine Wohnung sein, wo auch muslimische "Nichtzugehörige" sehr rasch auffallen.

Solche Moscheen gehören auch nicht zur offiziellen Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, einer eher losen Dachorganisation. Die Hand voll Moscheen, in denen es nach Angaben des Integrationsbeauftragten der muslimischen Gemeinde, dem Wiener SPÖ-Gemeinderat Omar al-Rawi, zu Hasspredigten kommt, müssen überwacht werden, so gut es geht, aber das ist nur ein Teil der notwendigen Maßnahmen.

Offen gesagt: Der radikale Islam stellt einen Totalitätsanspruch an seine Gläubigen. Er ist eine totalitäre Ideologie wie der Nationalsozialismus oder der Kommunismus. Den jungen Muslimen in Europa muss die Möglichkeit gegeben werden, sich davon zu emanzipieren, sich ebenfalls zu einem Teil der Gesellschaft zu entwickeln, in dem Religion Privatsache ist und nicht mehr ein das ganze Leben umfassendes Konzept. Das ist sehr schwierig, weil gerade die Totalität auch für viele junge Muslime eine attraktive Möglichkeit zur Identitätsfindung darstellt.

Mittel- und langfristig wird man eine Doppelstrategie fahren müssen: Die Politik, die Behörden, die geistigen Eliten, die Medien des Landes müssen sich mit den 340.000 Muslimen in Österreich auseinander setzen. Der sicherheitspolizeiliche Ansatz - Moscheen überwachen und alles wird gut - greift zu kurz. Eine große Anzahl von Muslimen sind bereits österreichische Staatsbürger, viele werden es noch werden. Eine "Apartheid" ist nicht möglich. Doch umgekehrt müssen diese Mitbürger taktvoll, aber konstant ermutigt werden, sich aus ihrer oft abgeschotteten Kultur herauszubewegen. Das beginnt bei Dingen des alltäglichen Lebens, etwa wenn muslimische Mädchen vom Schwimmunterricht abgemeldet werden. Das muss man pragmatisch handhaben, etwa wie in Wien, indem man gesonderten Schwimmunterricht anbietet. Zwang würde nichts nutzen. Die dringend zu wünschende Emanzipation muslimischer Mädchen und junger Frauen muss man auf andere Weise unterstützen - zunächst indem man zeigt, dass es auch eine andere Welt gibt als die abgeschlossene unter strenger muslimischer Observanz; und dann Kontaktpersonen, Anlaufstellen und notfalls Zufluchtsräume zur Verfügung stellt.

Auch wenn sich die muslimischen Gemeinden Europas weniger von ihrem Umfeld abschotten, wird es Extremisten und Anschläge geben. Aber man muss die Muslime auffordern und ihnen die Gelegenheit geben, sich deutlich von der totalitären Ideologie des radikalen Islam abzugrenzen. Kontrolle ist gut, (Selbst-) Befreiung ist besser. (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.7.2005)

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