Willkommen bei Harald Serafin

15. Juli 2005, 18:40
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Franz Lehárs "Die lustige Witwe" bei den Seefestspielen Mörbisch

Mörbisch - Winke, winke, puff, päng und kawumm - wie immer am Ende in Mörbisch: Mit reißverschlussartiger Präzision schnurrte das Verbeugungsprozedere des von Berufs wegen bumsfidelen Operettenpersonals ab, abgeschlossen vom traditionellen Feuerwerk als optisch-akustischer Finalentladung des allsommerlichen leichtmusikalischen Vergnügungsgroßereignisses am Neusiedlersee.

Dabei war schon zu Beginn des dritten Aktes von Die lustige Witwe mit Reizen nicht gegeizt worden: Die Showtreppe des "Maxim" blinkte tausendfach, kreischend wurden Röcke gehoben und weiß behostes weibliches Sitzmobiliar dem Publikum entgegengereckt, während farbig angestrahlte Wasserwerfer ekstatische Kreisbewegungen vollführten. All dies funktionierte so perfekt wie immer in Mörbisch (Regie heuer: Helmuth Lohner, Bühne: Rolf Langenfass, Choreografie: Giorgia Madia), und doch ließ das taff durchorganisierte multiple Reiz-Bashing fallweise auch den Nachgeschmack einer Show-Asepsis à la Las Vegas, oder, um hier im Alten Europa bleiben, den einer Fernsehshow-Glätte Marke "Willkommen bei Carmen Nebel" aufkommen.

In das TV-Ambiente plastifizierter, ferngesteuerter Fröhlichkeit hätte denn auch der Mörbischer Premieren-Danilo wunderbar gepasst: Mathias Hausmann gab ihn mit einer schwiegermuttertauglichen, properen Patrick-Lindner-Nettigkeit. Man hätte seinem Grafen Danilowitsch zugetraut, dass er seine Tage damit zubringt, alten Frauen über die Straße zu helfen und freundlich Kinderköpfe und Hunderücken zu tätscheln: Den vergnügungs- und frauensüchtigen Décadent nahm man ihm aber kaum ab.

Schmeißfliegen

Da bot die Hanna Glawari der Margarita De Arellano schon einiges mehr an erotischer Strahlkraft: Mit pfeffriger Sexyness durchfegte die zierliche US-Amerikanerin die pontevedrinischen Botschaftssalons und hielt die schmeißfliegengleiche Wolke an Verehrern selbstbewusst aus bzw. auf Distanz.

Gesungen wurde Franz Lehárs Operettenklassiker durchwegs erstklassig - Elisabeth Starzingers Valencienne ist diesbezüglich anzuführen. Alle vokale Erstklassigkeit überstrahlte Vicente Ombuena: Der Glanz und die Eleganz seines Tenors ließen die Pavillon-Arie des Camille de Rosillon als einen jener Momente erleben, die über verwechselbare Stimmperfektion hinausragten und ins Herz trafen wie die Melodien Lehárs auch.

Rudolf Bibls Dirigat machte die Sonnen- wie auch die Schattenseiten musikalischer Routine erfahrbar: Sein Händchen für die richtigen Tempi, für Beschleunigungen, Verzögerungen, für tänzerische Leichtigkeit werkte in Sachen differenzierter, pointierter Motivationsarbeit leider nur recht müde und welk. Hausvater Harald Serafin schließlich gab als serafinischer Baron Zeta der Lustbarkeitsunternehmung, was denn doch am wichtigsten ist: den unverwechselbaren, unberechenbaren Charme der Menschlichkeit. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16./17.7.2005)

Von
Stefan Ender
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