Martin Heller, Intendant der "Kultur­haupt­stadt" Linz

19. Juli 2005, 21:53
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Vom Solisten zum Dirigenten der Masse, der Kultur­unternehmer wird künst­ler­ischer Leiter

Wenn er jetzt zwei Wochen Zeit hätte, würde er in die Bretagne fahren. Freunde haben dort ein Haus am Meer. Er liebt das Klima in Nordfrankreich, den ständigen Wind, auch wenn dieser ihm wahrscheinlich permanent die Seiten seiner Bücher, die er am Strand lesen würde, umblätterte. Doch Martin Heller hat keine Zeit. Am Freitag wurde er zum künstlerischen Intendanten für die europäische Kulturhauptstadt Linz 2009 bestellt. Es freue ihn, dass er wieder "Kultur für ein breites Publikum machen darf", gibt sich der Schweizer bescheiden.

Das war nicht immer so, nach seinem Studium - Kunstgeschichte, Ethnologie und Europäische Volkskunde in Basel - war er zwölf Jahre lang Direktor am Museum für Gestaltung Zürich. Für ihn, wie er rückblickend meint, ein "Labor", sprechen doch Ausstellungen nur einen kleinen, elitären Kreis an. Das änderte sich schlagartig, als der 1952 geborene Basler künstlerischer Direktor für die Schweizer Landesausstellung wurde: "Da bin ich auf den Geschmack gekommen." Ursprünglich sei er nur mit der Erwartung, einmal eine richtig große Ausstellung zu organisieren, an den Job gegangen.

Die Arbeit für die Expo habe aber eine ganz andere Dynamik entwickelt, meint der ruhig wirkende Mann, den nichts so schnell aus der Fassung zu bringen scheint. "Ich wurde Abfallkübel für Kulturschaffende der freien Szene, Projektionsfläche für Wünsche und Träume, Manager und Kommunikator", umschreibt er seine Tätigkeit. "Richtig süchtig sei er nach diesen vielen Herausforderungen geworden." Und so wurde er Kulturunternehmer, gründete 2003 die Heller Enterprises. Er gestaltete die aktuelle Tiroler Landesausstellung "Die Zukunft der Natur", erhielt die künstlerische Leitung der Bewerbung Bremens als Kulturhauptstadt Europas 2010.

"Ein Glück, dass Bremen in Deutschland aus dem Rennen genommen wurde", bemerkte der Linzer Vizebürgermeister Erich Watzl. Damit war für Heller der Weg frei nach Linz. Frau Elisabeth hat sich die Stadt beim ersten Besuch mitangeschaut, dann haben beide gemeinsam entschieden, "dass ich mich um die Intendanz bewerbe", sagt er und zündet sich einen Zigarillo mit einem Feuerzeug mit der Aufschrift www.linz.at an.

In den nächsten zwei Jahren, in der Intensivphase der Vorbereitung für die Kulturhauptstadt, will der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt mehr als die Hälfte der Zeit in Linz sein. Und deshalb werde er sich auch eine kleine Wohnung suchen. Seine Frau und die 14-jährige Tochter bleiben in Zürich. Noemi habe damit kein Problem, im Gegenteil, sie finde es supertoll, dass ihr Papa berühmt ist. Auf ihre Woche Urlaub muss sie auch nicht verzichten: Skifahren in den Schweizer Bergen, dafür muss Zeit bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16./17.7.2005)

Von
Kerstin Scheller
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    Martin Heller will "kennen lernen und zuhören"

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