Wachstum durch lockere Arbeitsgesetze

29. Juli 2005, 15:38
52 Postings

Ein flexibler Arbeitsmarkt fördert das Wirtschafts­wachstum, aber viele Faktoren spielen eine Rolle, sagt IHS-Chef Felderer

Wien - Arbeitsmarktflexibilität fördert das Wirtschaftswachstum - darüber sind sich die meisten Ökonomen einig. Doch gleichzeitig fällt es ihnen schwer, dieses Verhältnis statistisch zu beweisen.

Grund dafür ist die Tatsache, dass sich Arbeitsmarktflexibilität aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt, meint der Chef des Instituts für Höhere Studien, Bernhard Felderer.

Dazu gehören flexible Arbeitsstunden, Durchrechnungszeiten für Überstunden, allgemeiner Kündigungsschutz, besonderer Schutz für Mütter und Ältere, Schutz bei betriebsbedingten Kündigungen, der Wiedereinstieg nach der Arbeitslosigkeit und die Höhe des Mindestlohns.

"Niemand weiß, wie sich die einzelnen Komponenten auf Wachstum und Beschäftigung auswirken", meint Felderer im Gespräch mit dem STANDARD.

Lax in Österreich

Die OECD hat die Strenge des gesetzlichen Kündigungsschutzes in ihren einzelnen Mitgliedstaaten gemessen; dort schneidet Österreich mit einer Strenge von 2,2 relativ gut ab (siehe Grafik), auch gegenüber Deutschland (2,5).

Felderer aber ist überzeugt, dass Österreich in der Praxis noch besser dar steht, weil viele Vorschriften auf der Unternehmensebene mit Zustimmung von Gewerkschaften und Betriebsräten lax gehandhabt werden. "Der Abstand zu Deutschland ist in Wirklichkeit viel größer", sagt er. "Die Realität aber ist ganz anders als das offizielle Bild." Die deutschen Gewerkschaften würden hingegen rigide auf die Umsetzung aller Gesetzesbestimmungen pochen.

Die OECD-Daten erweisen sich nur dann als guter Indikator fürs Wachstum, wenn sie mit den jeweiligen Lohnstückkosten verknüpft werden, meint Felderer. Für jeden zusätzlichen Punkt beim Kündigungsschutz-Indikator ergibt sich dann 0,5 Prozent weniger Wachstum in den vergangenen zehn Jahren.

Rigid in Südeuropa

Die hohen Wachstumsraten in den USA, Großbritannien und Irland lassen sich daher zum Teil auf lockere Arbeitsmarktgesetze zurückführen. Die rigidesten Vorschriften - und zahlreiche ökonomische Probleme - haben hingegen die südeuropäischen Staaten.

Für die österreichische Industrie sei es vor allem wichtig, dass die Betriebe die Maschinen voll auslasten können; dies sei allerdings in den meisten Fällen möglich. Auch habe sich in vielen Branchen ein System durchgesetzt, dass Überstunden auf einem Zeitkonto verbucht und später ausgeglichen werden können.

Von einer ganzjährigen Durchrechnung sei man zwar noch weit entfernt, aber "insgesamt funktioniert das System", meint Felderer. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.7.2005)

  • Artikelbild
    grafik: standard
  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Der Abstand zu Deutschland ist in Wirklichkeit viel größer", meint IHS-Chef Bernhard Felderer.

Share if you care.