Die Posen eines Nebenschwans

15. Juli 2005, 18:09
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Mit Werken von George Balanchine, Jérôme Bel, Kader Belarbi und Trisha Brown setzte die Pariser Oper kuratorische Maßstäbe für das Ballett der Gegenwart

Wien - Der Eröffnungsabend des ImPulsTanz-Festivals im Burgtheater durch das Ballet de l'Opéra National de Paris war - erwartungsgemäß - ein kontroversiell diskutiertes Ereignis. Denn die Leiterin der renommierten Compagnie, Brigitte Lefèvre, hat einen nicht zu unterschätzenden Tabubruch begangen: nicht nur durch die Präsentation einer kritischen Arbeit des Konzeptualisten Jérôme Bel, sondern auch mit einer im Ballettkontext so riskanten wie brillanten kuratorischen Schärfe.

Der vierteilige Abend startete mit einer von Kader Belarbi bearbeiteten Solopräsentation von Barocktänzen zur Cello-Suite Nr. 3 in C-Dur von Bach, die einst Rudolf Nurejew auf den Tänzerleib geschneidert war. Bach-Suite 2 ist eine Reflexion über Dualitäten. Darunter eine historische, Barock und Gegenwart, eine performative, Tänzer und Cellist, und eine szenische: das vage Licht und die nachtschwarz eingefasste Bühne, in der sich zweimal zwei schwarze Wände senken und heben und so Absenz und Präsenz symbolisieren. Keine nette Dekoration also, sondern rationale Demonstration von barocker Ästhetik als choreografische Denkfigur der Gegenwart.

Ideale Voraussetzungen für Jérome Bels Stück Véronique Doisneau - ein Werk, wie zugeschnitten für wahre Ballettomanen. Denn eine Ballerina, die es nie zum Rang eines "Étoile" gebracht hat, erzählt, am Ende ihrer tänzerischen Laufbahn, von sich. Wie viele Kinder sie hat, wie viel sie verdient, dass man sagt, sie sehe Isabelle Huppert ähnlich. Doisneau tanzt eine Passage aus Bajadere, summt zugleich die dazugehörenden Töne. Sie verehrt, sagt sie, Nurejew und Balanchine, weniger Béjart und Petit.

Eine scharfe Analyse

Nachdenklich zieht sie ihre Spitzenschuhe aus und zeigt einen Ausschnitt aus Merce Cunninghams Points in Space. Später einen Auszug aus Schwanensee - aber nur die Posen eines Nebenschwans. In der dazu eingespielten Musikaufnahme ist das Husten der Zuschauer zu hören, das sich mit jenem des Wiener Premierenpublikums vermengt. Jedes Detail dieser berührenden Arbeit, die eine so großzügige wie scharfe Analyse der Hierarchie im Ballett darstellt, sitzt perfekt.

Keine Sekunde lang wird das Ballett despektierlich behandelt oder infrage gestellt - vielmehr geht es mit entwaffnender Präzision um gerne übersehene Lebensbedingungen einer Tänzerin. Respektlos erschienen daher erst die wütenden Buhs, die sich in den heftigen Applaus des Auditoriums mischten.

Danach ein Schritt zurück ins Jahr 1928 zu einer so humorvollen wie virtuosen Apotheose des Patriarchats in Balanchines heute absurd anmutendem Meisterstück Apollon (gnädig genehmigt vom "George Balanchine Trust SM"). Der Gott, von seinen Musen kunstvoll abgefeiert, steht in der Wende zur Moderne. Nach Belarbi und Bel erscheint dieses Statement wie die Faust aufs Auge. Aber falsch, denn es geht auch hier um den analytischen Blick auf das Ballett, um dessen Sprung ins Heute - und der vollzieht sich in Trisha Browns grandiosem Finale O zlozony / O composite.

Die große Lyrikerin der tänzerischen Postmoderne versetzt drei Stars der Pariser Oper, Aurélie Dupont, Manuel Legris und Nicolas Le Riche in einen sternendurchsetzten Weltraum der Bewegung, der Musik (Laurie Anderson) und der Sprache (Czeslaw Milosz). Hier zeigt das Pariser Ballett jenes überragende Können, das bei Apollon weniger zum Vorschein kam.

Doch alles in allem: ein überragender Abend. Der von Weitsicht geprägte kuratorische Ansatz der Opéra gibt dem Wiener Ballett jedenfalls einen Maßstab vor, an dem sein neuer Direktor Gyula Harangozó künftig zu messen ist. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16./17.7.2005)

Von
Helmut Ploebst
  • Die Tänzerin Véronique Doisneau in ihrer Traumrolle "Giselle" bei Jérôme Bels Auftragswerk für die 
Pariser Oper "Véronique Doisneau".
    foto: impulstnaz/icare

    Die Tänzerin Véronique Doisneau in ihrer Traumrolle "Giselle" bei Jérôme Bels Auftragswerk für die Pariser Oper "Véronique Doisneau".

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