Radikale im Schatten religiöser Toleranz

19. Juli 2005, 12:35
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Obwohl Österreich als Musterland beim friedlichen Auskommen mit dem Islam gilt, ist eine Radikalisierung festzustellen

Österreich ist Musterland beim friedlichen Auskommen mit dem Islam. Doch in dem toleranten Klima findet Radikalisierung statt – vereinzelt, laut Vertretern der Glaubensgemeinschaft, verdächtig, laut Antiterrorexperten.

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Der Islam ist seit 1912 in Österreich als Relegionsgemeinschaft anerkannt, das friedliche Nebeneinander von heute insgesamt 13 Religionen gilt als Musterbeispiel in Europa. Doch auch in Österreich gibt es radikale Extremisten. Im Staatsschutzbericht des Innenministeriums ist von mehreren Hundert radikalen Muslimen, die meisten davon in Wien und Vorarlberg, die Rede.

Direkte Verbindungen zum Terrorismus seien nicht feststellbar, man behalte die Gruppen aber im Auge, meint der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Erik Buxbaum.

Terror verhindert

Die Staatsschützer sind sich sicher, dass der österreichische Weg des Dialogs deeskalierend wirkt. Dadurch habe man über Jahrzehnte Terror im Land verhindert. In diesem Klima ist es aber beispielsweise auch möglich geworden, dass ein Imam Vielehen schließt. Auch andere Fälle von Radikalisierung sind dokumentiert: Etwa, dass ein hochrangiges Mitglied der afghanischen Taliban in einer Wiener Moschee um Anhänger für Al-Kaida geworben habe, oder dass islamische Religionslehrer an Schulen versucht hätten, aufrührerische Ideen zu verbreiten.

Er wisse von zwei Moscheen in Wien, in denen ein "Weg der Desintegration" eingeschlagen worden sei, erläutert Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Zwei Moscheen von rund 200 in ganz Österreich, die "keinen Wert auf Zusammenarbeit" mit der staatlich anerkannten muslimischen Repräsentanz legen würden.

Fremd und isoliert

"Wir vermuten, dass dort radikale, ja fundamentalistische Ansichten vertreten werden", sagt Shakfeh – und beruft sich auf Erkenntnisse des Verfassungsschutzes. Er selber sei nicht darüber informiert, was an diesen Orten gepredigt werde. Klar jedoch sei, dass Betreiber und Besucher der zwei Moscheen der österreichischen Gesellschaft "fremd und isoliert" gegenüber stünden – fremd auch aus eigenen Stücken, meint Omar al-Rawi, Integrationsbeauftragter der Glaubensgemeinschaft.

Vermutlich handle es sich um politische Flüchtlinge etwa aus Afghanistan oder Pakistan, die hier mit religiös verbrämten Losungen Umsturzabsichten für ihre Heimat weiterverfolgten: Ein totaler Gegensatz zu der ausgeprägten Integrationspolitik der offiziell anerkannten Religionsgemeinschaft. Doch der Präsident betont: "Die Schwelle der Gewaltbereitschaft wurde unsres Wissens in Österreich bisher nirgendwo überschritten."

Dass es sich in den beiden genannten Gebetsstätten anders verhalte, will auch Bülent Öztoplu, Leiter des Wienertegrationsvereins Echo nicht behaupten. Allgemein jedoch stellt er unter jungen Migranten vor allem aus der Türkei Muslimen eine zunehmende "Tendenz, Konflikte mit Gewalt auszutragen" fest. Dies äußere sich in "mehr Gruppenraufereien", aber auch in "mehr Ehrenmorden" – und hängt seiner Ansicht mit dem Mangel an "wirklicher Integrationspolitik" in Österreich zusammen.

Nach außen hin gewaltfrei gestalte sich das ebenfalls zu beobachtenden Abdriften einzelner junger Muslime in den religiösen Fundamentalismus. Öztoplu: "Da verschwindet einer von der Bildfläche. Ein Jahr später sieht man ihn wieder und erfährt, dass er in Palästina oder in Tschetschenien war." Auch für ihn als Sozialarbeiter sei es unmöglich, an so jemanden noch heranzukommen.

Sicher ist, dass Österreich auch als "Ruheraum" von radikalen Muslimen geschätzt wird. Der deutsche Terrorexperte Rolf Tophoven sagte sogar einmal, dass es Informationen gebe, wonach Österreich "ein Zentrum für militante Islamisten" sei.

So soll beispielsweise der als Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA geltende Jemenit Ramzi Binalshibh im Spätherbst 1996 durch Österreich nach Deutschland gereist, ohne dass den österreichischen Behörden Erkenntnisse darüber vorlägen. Mit Binalshibh soll auch der Deutsch-Ägypter Reda Seyam im Auto gesessen sein, der die Terroranschläge von Bali im Oktober 2002 mitorganisiert haben soll.

Gesetz verschärft

Doch trotz des Weges der Toleranz und Anerkennung verschärft auch Österreich seine gesetzlichen Maßnahmen. Vier neue Regelungen gegen Hassprediger, "Verhetzer" oder Terrorverdächtige sieht das vor einer Woche beschlossene Fremdenpaket vor. Ab Inkrafttreten am 1. Jänner 2006 kann gegen Verdächtige ein Aufenthaltsverbot ausgesprochen werden. Und Flüchtlinge, die "Terrorakte gut heißen" erhalten ab kommendem Jahr generell kein Asyl mehr. (Irene Brickner/Michael Simoner/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.7.2005)

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    In Österreich gibt es rund 200 Moscheen und 390.000 Muslime. Eine kleine Gruppe wird als "radikal" eingestuft.

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