Ketchup und Mayonnaise

15. Juli 2005, 22:02
2 Postings

Gesellschaftliches Unbehagen entlädt sich in der Kunst. Künstler sind Anwälte des Tabuisierten

In einer der originelleren Passagen seines Romans Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins sinniert Milan Kundera über Scheiße als theologisches Problem. Der Mensch soll nach Gottes Ebenbild erschaffen worden sein, dennoch erscheint die Vorstellung eines Schöpfers mit Gedärmen blasphemisch. Jesus hat gegessen und getrunken, aber nicht defäkiert, behauptete der Gnostiker Valentin. Ähnliche Theorien existieren auch über Adam und Eva. Nach seiner Vertreibung aus dem Garten Eden kann der Mensch die Früchte der Natur nicht mehr restlos absorbieren. "Der Moment der Defäkation ist der tägliche Beweis für die Unannehmbarkeit der Schöpfung", folgert Kundera. "Entweder oder: entweder ist die Scheiße annehmbar (dann schließen Sie sich also nicht auf der Toilette ein!) oder aber wir sind als unannehmbare Wesen geschaffen worden."

Es ist das Gefühl des Ekels, das sich zwischen uns und Gottes Entwurf stellt. Ekel begründet den Unterschied zwischen Natur und Kultur. Einzig Kinder und Geisteskranke verweilen im Paradies der Ekellosigkeit. Im 20. Jahrhundert gesellt sich der Künstler an ihre Seite. Er wird zum Anwalt des Tabuisierten und Nichtassimilierbaren, er agiert sein Unbehagen in der Kultur aus. In einer zusehends sterilen Welt erhebt die moderne Kunst Körperflüssigkeiten, Exkremente, Nahrungsmittel und Abfall in den Rang künstlerischer Werkstoffe. Das Degoutante, das eng an den Körper gebunden scheint, läuft dem Schönen den Rang ab.

Ekel in der Kunst gab es freilich schon früher. Die grünstichig gemalte Hautfarbe des Gekreuzigten oder die Leidensdarstellungen der Märtyrer halten körperlichen Verfall und Mutilation drastisch fest. Zum Repertoire der barocken Vanitas-Gemälde, die an die irdische Vergänglichkeit gemahnen sollen, gehören abstoßende Motive wie verfaulendes Obst oder Ungeziefer. Der Einsatz von Ekel als dezidierte künstlerische Strategie kündigt sich jedoch erst mit dem Surrealismus und seiner Feier des Unbewussten an. Freud sieht Ekel eng mit der Triebunterdrückung verknüpft und er betont die Faszination des Verpönten. Die Kunst könnte den Konflikt aus Tabu und Ekellust aber lösen.

Angefressen vom konservativen Nachkriegsösterreich und dem kunsthistorisch-erstarrten Tafelbild machen sich die Wiener Aktionisten Anfang der 60er-Jahre an die Überwindung ihrer Ekelschranken. Der Körper wird mit Blut und Kot attackiert – eigentliche Zielscheibe ist die gesellschaftliche Repression. Bei aller antibürgerlichen Wucht erzählen diese expressiv- karthartischen Akte von einer tieferen Sehnsucht. Als "die Rückkehr ins Paradies des reinen sinnlichen Erlebens und die totale Akzeptanz der Existenz" beschreibt Hubert Klocker einen Drang dieser transgressiven Kunst. Dabei entstand auch radikal Unversöhnliches. In dem Kurzfilm Otmar Bauer zeigt isst der Aktionismus-Mitstreiter so lange, bis er kotzen muss. Als er beginnt, sein Erbrochenes in den Mund zu schaufeln, reckt es auch den Betrachter.

Der vom Wiener Aktionismus beeinflusste US-Künstler Paul McCarthy wütet bei seinen Performances mit Ketchup und Mayonnaise. Diese fixen Bestandteile der amerikanischen Mahlzeit ersetzen Blut und Sperma, persiflieren aber auch die Ölfarben des Abstrakten Expressionismus. Der Künstler tritt in grotesken Kostümen auf und zieht mit Puppen massenkulturelle Erzählungen wie Bonanza oder Heidi in den Dreck. Bei McCarthy wird noch eine andere Form des Ekels virulent: die Abscheu vor dem schlechten Geschmack, vor Kitsch und dem "White Trash" der amerikanischen Unterschichtkultur.

Die feministische Kunst setzt Ekel als Mittel zur Patriarchatskritik ein. Schließlich gilt die "Vettel", die runzlige Alte, sämtlichen Klassikern der philosophischen Ästhetik als Inbegriff des Widerwärtigen. Die gesellschaftlichen Schönheitsideale brachten Frauen nur als Modelle, nicht als Künstlerinnen in die Museen. Gemäß dem Emanzipationsmotto "das Private ist politisch" verarbeitete die feministische Kunst bislang Unsichtbares und Entwertetes, wie vaginale Ikonografie, Menstruation oder weiblichen Masochismus. Als "Frauenkunst" diskreditiert, fanden viele dieser Arbeiten keinen Eingang in die Kunstgeschichte. Dafür wurde das Label "Abject Art" kreiiert, das auf einem Begriff der Philosophin Julia Kristeva aufbaut. Die gleichnamige Ausstellung zeigte 1993 feministische Kunst zusammen mit Fotos analer Erotik von Robert Mapplethorpe, exkrementellen Skulpturen von John Miller oder Cindy Shermans inszenierten Stillleben von Erbrochenem.

Zuletzt benützten vor allem die Young British Artists die Schockmechanismen des Ekels. Eingelegte Tierhälften, obszön entstellte Kinderkörper oder eine besudelte Matratze: Ihren Erfolg verdanken diese "Sensationen" dem Innovationsdruck von Kunst- und Medienwelt. Jenseits solcher Überbietungslogik – deren ironische Seite oft nicht wahrgenommen wird – verleiht ekelhafte Kunst dem Wunsch ein Gesicht, die zivilisatorischen Fesseln zu sprengen und im Körper eine verborgene Wahrheit zu finden. Die Erlösung vom Ekel mag im Museum funktionieren; im Alltag müssen wir uns trotzdem täglich aufs Neue grausen. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 16./17.7.2005)

Von Nicole Scheyerer
Share if you care.