Haben Sie je einen Hund lachen sehen?

15. Juli 2005, 21:59
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Für Winfried Menninghaus ist die Ekelerfahrung der Eintritt in die Kultur. Stephan Hilpold sprach mit ihm

DER STANDARD: Wir leben in einer Welt der forcierten Hygiene. Spielt das Ekelhafte noch eine Rolle?

Menninghaus: Der Kulturprozess führt zur Hygienisierung der Lebenswelt. Auslöser von Ekelreaktionen kommen seltener vor. Andererseits steigt die Ekelsensibilität mit der Steigerung der Hygieneschranken graduell an. Man empfindet heute Ekel vor Dingen, die vor hundert Jahren nicht ekelhaft waren. Neu ist wohl, dass Ekel in der heutigen Lebenswelt ein vielfach reflektiertes, in medialen Inszenierungen gezielt bearbeitetes Gefühl ist.

DER STANDARD: Das heißt, wir stellen ihn bewusst her?

Menninghaus: Genau. Wir können zwar das physiologische Programm der Ekelsensation nicht beeinflussen, aber die Auslösung des unwillkürlichen Ekels kann ihrerseits manipuliert werden. Es war Freuds Entdeckung, dass die Abwehrreaktion des Ekels eine Affektkonversion leistet: Lust an den eigenen Exkrementen, an Sekreten anderer, an "perversen" Formen der Sexualität werden im Gefühl des Ekels zu Auslösern von Unlust. Ekel, Lustverzicht und Sublimierung hängen insofern eng zusammen.

DER STANDARD: Tabugrenzen werden weiter aufgeweicht, dasVerbotene gibt es kaum. Ekeln wir uns seltener?

Menninghaus: Das ist fraglich. Wenn der Ekel eine Grundlage in der Evolutionsgeschichte des Menschen hat, dann verschwinden Ekelschranken nicht dadurch, dass sie wieder und wieder gebrochen werden. Selbst wenn Sie hundertmal Exkrement gerochen haben, kann es passieren, dass Sie doch wieder angeekelt werden.

DER STANDARD: Ob Ekel-TV oder Ekel-Kunst: Woher kommt die heutige Konjunktur des Ekelhaften?

Menninghaus: Es gibt einen Bedarf nach dem Ekelhaften, weil es das Versprechen der "Intensität" mit sich bringt und Intensität heute eine knappe Ressource ist. Angesichts des Ekelhaften steht letztlich nichts weniger als das Selbst zur Disposition. Diese Bedrohung hat einen großen Vorteil: Wir erfahren uns darin als besonders lebendig, da wir herausgefordert werden.

DER STANDARD: Wir erfahren uns heute über das Ekelhafte? Das ist ein trauriger Befund.

Menninghaus: Auf dem Kontinent des Ekelhaften gibt es noch starke Reize, die relativ verschleißfest sind. Man kann den Ekel nicht ganz zu Tode reizen. Und: Das Ekelhafte ist so interessant, dass es oft zum Lachen anregt. Die bloße Unterhaltung über Ekelhaftes löst bereits Schmunzeln aus. Eine Verbindung von Ekel und Lachen besteht auch darin, dass beide Problemlösungsstrategien sind, die mittels einer kurzen und heftigen Abfuhr arbeiten. Der Akt des Lachens und der des Erbrechens sind in dieser Hinsicht sehr ähnlich.

DER STANDARD: Ähneln Ekelsendungen deshalb Comedyshows?

Menninghaus: Vermutlich. Nicht zu vergessen ist auch das "antiautoritäre" Element. Das heranwachsende Kind weiß, dass es sich am Exkrement nicht erfreuen darf. Es tut es trotzdem. Ekel-TV beutet den Reiz aus, dessen, was "man" nicht tun soll, schon gar nicht öffentlich.

DER STANDARD: Welche Rolle spielt das Skandalöse in der Darstellung des Ekelhaften? Im Kunstbereich bedient das eine oft sehr gut das andere.

Menninghaus: Man sollte nicht vergessen, dass im Aufdecken des Ekelhaften auch eine genuine, affektgestützte Erkenntnisleistung stecken kann. Etwas in der Kunst zielt darauf, unsere sozialen Konstruktionen infrage zu stellen, ja zu attackieren, um schockhaft etwas "Reales" erfahrbar zu machen, das im Konstruktivismus unserer modernen Welt untergegangen ist.

DER STANDARD: Das heißt, wir lernen durch den Ekel?

Menninghaus: Biologisch gesehen ist Ekel auch ein Medium, um, wie Kant sagte, das Bekömmliche vom Unbekömmlichen zu unterscheiden. Es geht aber um mehr: Nach Freud ist die Ekelerfahrung praktisch identisch mit dem Eintritt in die Kultur. Die Kultur ist es, die es uns verbietet, wie die Tiere an den Exkrementen zu riechen. Deshalb tragen wir die Nase weit vom Boden erhoben. Mit Freud kann man Ekel als den Affekt bezeichnen, durch den Moral entsteht.

DER STANDARD: Ist Ekel also etwas genuin Menschliches?

Menninghaus: Nahrungsaversionen haben auch Tiere. Ob sie in einem strengen Sinne auch Ekel haben, ist sehr fraglich. Genauso wenig wie sie lachen. Haben sie je einen Hund lachen sehen?

DER STANDARD: Ekel ist eine körperliche Erfahrung. Wie erfahren wir unseren Körper, wenn wir uns ekeln?

Menninghaus: Der Ekel führt eine Art Tabu ein im Umgang mit den eigenen Wünschen und dem eigenen Körper. Gegen dieses Tabu aufzubegehren ist eine elementare Erbschaft. Aus diesem Doublebind, dieser latenten Ekel-Begeisterung und dieser offiziellen Ekel-Abscheu, kommen wir nicht heraus.

DER STANDARD: Wir können uns vom Ekel kaum distanzieren. Er scheint uns besonders nahe zu sein.

Menninghaus: Ja, die Ekelsensitivität spitzt sich auf den Nahbereich zu. Das Ekelhafte erfordert die physische Nähe von etwas. Mehr noch: Das Ekelhafte muss uns schon invadiert haben. Als Erfahrung einer aufdringlichen Nähe ist die Ekelsensation schon deshalb so archaisch, weil die heutige Zivilisation mehr über Fernsinne funktioniert. Für Personen, die nur noch am Computer ihre Erfahrungen machen, ist das etwas Phantasmatisches. Je weniger Näheerfahrungen man hat, desto mehr werden die Sensation gesucht, auch wenn Ekel-TV diesen Bedarf an Nähe wieder in Simulationen über Distanz bedient.

DER STANDARD: Beschäftigen sich die Wissenschaften mit dem Hässlichen, Ekelhaften, dann tun sie dies in einer affirmativen Weise. Warum?

Menninghaus: Affirmiert wird in der Erfahrung des Ekelhaften das eigene Aufbegehren. Ich identifiziere mich mit einer noch nicht gänzlich domestizierten sozialen Rolle. Das hat etwas romantisch Revoluzzerhaftes. Was ich mit den Ekelschranken nicht anerkenne, das sind die Eltern, das Über-Ich, die Gesellschaft. Diese wollen mich zivilisieren. Zivilisierung ist, um das pointiert zu sagen, immer auch Erziehung dazu, etwas ekelhaft zu finden, was man von vornherein nicht ekelhaft gefunden hätte.

DER STANDARD: Demnach ist Ekel-TV eine Art von Rebellion gegen die Gesellschaft?

Menninghaus: Mit einiger Sicherheit lebt man dabei immer noch die eigene Opposition gegen die Eltern aus, die vielfach auch nicht begeistert sind, wenn ihre Kinder diese Sendungen sehen. Es ist allerdings schwer zu sagen, ob Ekel-TV insofern eine populäre Variante avantgardistischer Ästhetiken darstellt oder einfach nur ein Maximum an infantiler Regression. Ich neige spontan zur letzten Annahme. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 16./17.7.2005)

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Winfried Menninghaus ist Literaturwissenschafter an der FU Berlin. 1999 erschien "Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung" bei Suhrkamp.
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