Das Milchhautkind

15. Juli 2005, 23:07
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"Kinder machen das", sagte der Mann. Eine Erzählung von Paulus Hochgatterer

Ich weiß noch genau, dass die Tür zu meinem Besprechungszimmer klemmte, denn plötzlich klebten alle drei hinten an mir dran, ganz dicht, und es entstand ein kurzer Moment der Enge und Verlegenheit. "Hoppla", sagte der Mann und lachte jäh, aber da war die Tür auch schon offen. Drinnen setzte er sich auf jenen Stuhl, der am weitesten von meinem entfernt stand, und streckte die Beine von sich. Er trug ein Hemd mit breiten braunen und grünen Streifen.

Es sei nicht ihre eigene Idee gewesen, zu mir zu kommen, erklärten die beiden. Sie selbst seien überzeugt davon, dass mit ihrem Sohn in Wahrheit alles in Ordnung sei. Außerdem wisse man als Eltern, dass im Laufe der Entwicklung eines Kindes so manches Eigenartige auftauche und kurze Zeit später von selbst wieder verschwinde – Tick oder Marotte oder wie auch immer man dazu sagen könne.

In der Folge sprach eigentlich nur noch der Mann. Er zog dabei in einem fort den linken Mundwinkel hoch, so als wolle er grinsen. Die Lehrerin habe gesagt, wenn sie das Kind nicht psychologisch anschauen ließen, werde sie das Jugendamt verständigen. "Sie erpresst uns", sagte er, "sie übt Gewalt aus." Die Frau saß da, ließ ihre Augen ziellos herumwandern und tat sonst nichts. Sie seien aber selbstverständlich zu jeder Kooperation bereit, sagte der Mann. Für ihn als jemanden, der im Ein- und Verkauf tätig sei, sei Kooperation ohnehin das Um und Auf.

Der Bub war siebeneinhalb Jahre alt, blond, ein wenig dicklich und grau um die Augen. Er saß auf seinem Stuhl und blickte leer in die Richtung des Regales mit den Spielsachen und den Kinderbüchern. "Ein Milchhauttick", sagte der Vater, "seit ein paar Wochen hat er das. Er rennt plötzlich durch die Wohnung, schreit und verkriecht sich in irgendeinem Winkel. Wenn man ihn fragt, was er hat, sagt er: ,Ich mag die Milchhaut nicht!‘" Die Sache trete gleichermaßen zu Hause wie in der Schule auf; auch dort springe er auf, laufe aus der Klasse oder verstecke sich unterm Tisch und gebe seinen Spruch von sich. Die Lehrerin sei allerdings jung und unerfahren, und bis man sich als Anfängerin mit den Eigenheiten der Schüler so vertraut gemacht habe, dass man nicht mehr denke, alles Ungewöhnliche sei krank, dauere das vermutlich seine Zeit. "Kinder machen eben solche Dinge", sagte der Mann.

Ich fragte den Buben, ob er manchmal warme Milch trinke oder Kakao. Er antwortete nicht, sondern rutschte vom Stuhl, trat ans Regal und zog die Kiste mit den Handpuppen heraus. Er nahm die Seppel-Puppe, untersuchte sie, fand unten die Öffnung und steckte die Hand hinein. "Spielst du mir etwas vor?", fragte ich. Er sagte wiederum nichts, sondern stand einfach da und hielt die Hand mit der Puppe in den Raum, als gehöre sie nicht zu ihm. Ich sah, dass er innerhalb der Puppe die Hand offenbar zur Faust geballt hatte. Ich fasste erst nach einem der leeren Seppel-Arme, dann nach dem lose baumelnden Kopf und sagte: "Du musst deine Finger da hineinstecken." In diesem Augenblick schrie er panisch auf, schleuderte die Handpuppe von sich, rannte durchs Zimmer und kauerte sich hinter dem Fußende der Couch auf den Boden. Ich trat zu ihm, ging in die Hocke und sagte einen dieser blödsinnigen Sätze, die man sagt, wenn Kinder ihre Angst zeigen: "Es tut dir keiner was." Er schlang die Arme um den Kopf, drehte mir sein Hinterteil zu und wimmerte: "Ich mag die Milchhaut nicht." Ich blickte zu den Eltern. Die Mutter hatte die Augen geschlossen. Der Vater zuckte mit den Schultern. "So ist er eben", sagte er. Als ich mich wieder dem Buben zuwandte, sah ich, dass ihm weißlicher Sabber aus dem Mundwinkel rann.

Zur ersten Therapiestunde brachte die Mutter den Buben zwanzig Minuten zu spät. "Der Einlauf hat länger gedauert", sagte sie. "Wie bitte?", fragte ich. Er mache immer wieder in die Hose, auch in der Schule oder auf der Straße; das sei lästig und peinlich. Seitdem ihm der Vater regelmäßig Einläufe mit lauwarmem Wasser verabreiche, sei es viel besser geworden. Die Frau zwirbelte eine Haarsträhne zwischen ihren Fingern und starrte auf die Seitenkante des Vorhangs, während sie sprach.

Als sie weg war, schlüpfte der Bub aus seinen Schuhen, steuerte schnurstracks die Couch an, kniete sich drauf und reckte mir den Hintern entgegen. "Was machst du da?", fragte ich ihn. Er zog den Kopf ein und wimmerte seinen Satz. Ich ging nicht darauf ein. "Komm doch her, spielen wir etwas", sagte ich.

"Ich mag die Milchhaut nicht."

Er verharrte einige Minuten reglos in seiner Position, dann kletterte er von der Couch und ging auf mich zu. Unmittelbar vor mir breitete er die Arme aus, umfing meinen Hals, streckte die Zunge zwischen seinen Lippen hervor und versuchte sie mir in den Mund zu stecken. Ich wehrte heftig ab. "Ich will das nicht", sagte ich. Er probierte es noch einmal und noch einmal, dann hörte er auf, lächelte zufrieden, rollte sich auf dem Teppich zusammen und schlief ein.

Ich stellte die Handpuppenkiste neben ihn hin und wartete. Die braunen und grünen Streifen auf dem Hemd des Mannes und der hochgezogene Mundwinkel fielen mir ein. Außerdem fiel mir ein, dass es angeblich Leute gab, die auf Kommando einschlafen konnten. Nach einer Viertelstunde weckte ich ihn. Er nahm alle Handpuppen aus der Kiste, eine nach der anderen, kontrollierte ihre Öffnungen und legte sie nebeneinander auf den Boden. Danach nannte er sie beim Namen: "Räuber, Prinzessin, Seppel, Krokodil, Hexe, Polizist." Am Ende begann er von Neuem und tat das Ganze so lange, bis ich ein Papiertaschentuch holte und ihm den Sabber, der die ganze Zeit aus seinem Mund gequollen war, vom Kinn wischte. Das Schema wiederholte sich während der nächsten Stunden in exakt der gleichen Weise: Hintern herhalten, Satz sagen, Zungenkuss, schlafen, Puppen benennen, sabbern. Es war wie ein Ritual; er wollte es genau so, und ich fand mich damit ab. Die Mutter brachte ihn manchmal pünktlich, manchmal zu spät. Sie sprach kaum etwas. Einmal griff sie beim Abholen nach dem Vorhang, zog ihn einige Zentimeter zurück und grinste dümmlich.

In unserer elften Stunde legte ich dem Buben nach seinem Erwachen anstelle der Handpuppen einen Zeichenblock und Buntstifte hin, einfach der Abwechslung wegen. Als er mich ratlos anblickte, sagte ich: "Einen Baum vielleicht, oder ein Haus."

Er griff nach einem dunkelbraunen Stift und begann ein Haus mit all seinen Räumen zu zeichnen. Es nahm die gesamte Fläche des Blattes ein. Ins Erdgeschoß setzte er ein Wohnzimmer mit Aquarium und Fernsehapparat, eine Küche mit einer dreieckigen Deckenleuchte und eine Speisekammer. Ins Stockwerk darüber zeichnete er eine Reihe gleich großer Zimmer, die jeweils vom Boden weg bis zur Mitte mit großen, länglichen Vierecken gefüllt waren. "Was ist das?", fragte ich. Er blickte mich überrascht an. "Matratzen", sagte er dann, "oben haben wir viele Matratzen, ganz viele, hundert."

Es gibt Momente, da springt einem etwas an die Brust und nimmt einem den Ton, auch wenn man noch so abgebrüht ist. Manchmal hat das mit Kindern zu tun. Ich sah diese Räume voller Matratzen vor mir und die Menschen, die sich in ihnen aufhielten und sonderbare Dinge taten, ich dachte an meine eigene Abneigung gegen Milchhaut, und mir fiel ein, wie der Mann gesagt hatte, er sei im Ein- und Verkauf tätig.

Während seine Mutter das Zimmer betrat, um den Buben abzuholen, warf ich noch einen Blick auf das Bild mit dem Haus. Ich sah all die Matratzen und das dreibeinige Stativ samt Kamera, das er in eines der Zimmer gestellt hatte, ich sah die Figur hinter der Kamera und, dass die meisten der Matratzen jetzt bunte Streifen hatten. Das war allerdings nicht mehr so wichtig. Die Frau rollte das Blatt hastig zusammen und nahm es mit.

Zum nächsten Termin kam der Bub nicht mehr. Später hörte ich vom Jugendamt, die Eltern hätten es damit begründet, dass sein Symptom während der Sitzungen unverändert geblieben sei. Mag sein. Ich dachte an seine Umarmungen, an den Sabber an seinem Kinn und an die Einläufe zur Darmreinigung. Ich fragte mich, was passieren musste, dass jemand von einer Sekunde auf die andere einschlief. Zuletzt dachte ich daran, wie er damals bei mir im Zimmer gestanden war, mit ausgestrecktem Arm, und im Inneren der Handpuppe die Finger zur Faust geballt hatte.



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Paulus Hochgatterer lebt als Schriftsteller und Kinderpsychiater in Wien.

Zuletzt erschien von ihm "Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen" und "Über die Chirurgie" (beide Deuticke Verlag).

Die Reihe LITERATUR ALS RADIOKUNST (Ö1) stellt am Sonntag, 17.7.2005 um 23.03 Uhr eine Arbeit von Paulus Hochgatterer vor, der das Moment der – in der Medizin verdrängten – Aggression des Arztes gegenüber dem Patienten als Motor einsetzt für eine polyfone (cerebrale, linguale, intestinale, genitale) "Erregung" über den (bzw. das) "Ekel des Arztes" (Kuratorin: Christiane Zintzen)

(DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 16./17.7.2005)

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