"Im Bett mit dem Pentagon"

18. Juli 2005, 14:52
11 Postings

Der deutsche Journalist Andreas Zumach über Veränderungen in der Kriegsberichterstattung und das Phänomen "embedded journalism", das in Europa schon lange existiert

Schlaining - Wie ändern sich in Folge von Privatisierung, Liberalisierung und Medienfusionen die Rolle und Arbeitsweisen von Journalisten? Und welchen Einfluss haben Journalisten auf die Berichterstattung? Diese Fragen standen im Zentrum eines Vortrags von Andreas Zumach, internationaler Korrespondent der Berliner "tageszeitung" (taz).

***

Berichterstattung in Fernsehen, Radio und Printmedien ist in den vergangenen 15-20 Jahren massiven Änderungen unterworfen. Zumach sieht insbesondere in der Abhängigkeit der Medien von Werbung und Anzeigenverkauf sowie durch die Änderung der Besitzverhältnisse eine direkte Einflussnahme von Interessensgruppen auf die Berichterstattung. Kritischer Journalismus sei daher im Abnehmen begriffen. Auch in der Veränderung der Rahmenbedingungen wie der Beschleunigung von Technologien, Zeitdruck, Privatisierung und Konkurrenz gerät, so Zumach, journalistische Sorgfalt ins Hintertreffen.

Die Situation der Korrespondenten sieht er besonders kritisch: Sie hätten vor Ort kaum noch Zeit und wären zunehmend darauf angewiesen, Bilder und Text "in Windeseile fix und fertig zubereitet in die Reaktionsstudios der TV-Sender zu schicken". Der dazugehörende Bildtext sei meist egal. In Zeiten wirtschaftlichen Drucks, meint Zumach, kommt der Abbau von qualifiziertem Personal erschwerend hinzu: Die Berichterstattung werde immer weniger rechercheorientiert und daher noch anfälliger für Propaganda.

Kriegsberichterstattung

"Der erste Krieg, der wirklich im TV stattfand, war der Vietnam Krieg". Die TV-Reportagen hatten eine enorme Sensibilisierung der US-amerikanischen Bevölkerung zur Folge. Das Pentagon schloss daraus, so sieht es Zumach, dass künftige Kriege anders verkauft werden müssten. So wurden beispielsweise bereits vor dem zweiten Golfkrieg akkreditierte Journalisten vom Pentagon eingeladen, über ein gemeinsames Vorgehen zu beraten. Das Resultat: 95 Prozent der Journalisten hätten sich auf das Eingebot eingelassen, nicht direkt vor Ort zu berichten, sondern auf die vom Pentagon kostenlos angebotenen Bilder und Informationen zurückzugreifen. Es folgte zwar Selbstkritik, aber bei der nächsten Nagelprobe, dem NATO-Krieg in Jugoslawien, hätten die Medien erneut versagt. "Keine einzige kritische Frage ist an die NATO gestellt worden", bemerkt Zumach, die Medien übernahmen 1:1 von dieser Quelle. Zudem blieben die Journalisten auf Grund der Kriegsgefahren zu Hause. Als weiteres Beispiel nennt er den Krieg in Afghanistan: "Über 80 Prozent der Vorkommnisse ist nie berichtet worden."

"Im Bett mit dem Pentagon"

Auch durch die aktuellste Form der Kriegsberichterstattung - dem "embedded journalism", den Zumach mit "im Bett mit dem Pentagon" übersetzt, sei keine wertfreie und vorurteilsfreie Berichterstattung mehr möglich. Dennoch, so Zumach, sei diese Einbettung nichts Neues. "Embedded journalism" hatte zwar lange Zeit keinen Namen, steht aber gerade in Europa schon seit Jahren an der Tagesordnung. Allerdings nicht in den USA, denn dort würde jeglicher "Kaufversuch" seitens Politik und Wirtschaft, sei es in Form von Flugticketermäßigungen, Verköstigungen oder Reisen, strikt abgelehnt.

Globalisierung

Generell stellt Zumach auch ein Kompetenzdefizit bei Journalisten fest. Gerade in der "Globalisierungsdebatte" seien mangels wirtschaftspolitischer Kenntnisse die meisten Medien auf die Propaganda der "staatlichen Hilflosigkeit" und der "Standortfrage" aufgesprungen. Auch der Begriff Globalisierung sei affirmativ übernommen worden, ohne die westlichen Interessen dahinter zu erklären und ihn als rein von außen aufgezwungene Entwicklung darzustellen: "Die deutschen Medien haben zu 95 Prozent versagt, die Bevölkerung über die Hintergründe der Globalisierung aufzuklären und haben so die neoliberale Propaganda ohne Reflexion an die Leser übertragen." (hag)

  • Zur Person  Andreas Zumach ist internationaler Korrespondent der Berliner "tageszeitung" (taz) und berichtet als freier Journalist über internationale Politik. LinkAusgewählte Artikel
    foto: derstandard.at

    Zur Person

    Andreas Zumach ist internationaler Korrespondent der Berliner "tageszeitung" (taz) und berichtet als freier Journalist über internationale Politik.

    Link

    Ausgewählte Artikel

Share if you care.