Chirac als "Tangotänzer für Altersheime"

20. Juli 2005, 11:54
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Das TV-Interview des Präsidenten gehört zum französischen Nationalfeiertages wie die Truppenparade auf den Champs-Elysées

"Ich fühle mich absolut nicht in der Defensive", meinte Frankreichs Präsident Jacques Chirac bei seinem TV-Interview, das zum Ritual des französischen Nationalfeiertages gehört wie die Truppenparade auf den Champs-Elysées. Der sichtlich müde Präsident strafte seine Worte aber selbst Lügen, indem er sich zahlreiche Versprecher und Aussetzer leistete und seine einst sprichwörtlichen Energieschübe vermissen ließ.

Die verlorene Volksabstimmung über die EU-Verfassung, der Streit mit den Briten um das EU-Budget, die verlorene Olympiakandidatur von Paris für die Sommerspiele von 2012 haben bei dem 72-jährigen Staatschef Spuren hinterlassen. In den Meinungsumfragen ist er mit noch einem Viertel Sympathiestimmen so tief abgesackt wie nie zuvor in seiner zehnjährigen Amtszeit.

Chirac machte dennoch klar, dass er den Konflikten innerhalb der EU keineswegs aus dem Wege gehen wird. Ob sie ihm vielleicht gar willkommen sind, um von seinen innenpolitischen Nöten und Niederlagen abzulenken, steht auf einem anderen Blatt.

Beobachter sprechen von "politischer Agonie". Chirac gleiche mit seinem stets braun gebrannten Faltengesicht mehr und mehr einem "Tangotänzer für Altersheime". Als er die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zur Priorität erklärte, musste er Gegenfragen gefallen lassen, warum er denn in dieser Frage seit seiner ersten Wahl 1995 ohne jeden Erfolg bleib. Das konnte ihn aber nicht davon abhalten, eine Wiederkandidatur in 2007 nicht ausschließen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.07.2005)

Von Stefan Brändle aus Paris
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