Britischer Soziologe: "Viele Muslime fühlen sich in Großbritannien als Aliens"

15. Juli 2005, 13:06
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Die Wut über den Irakkrieg führte zur Radikalisierung vieler gut integrierter Muslime, sagt Tariq Modood im STANDARD-Interview

STANDARD: Was bringt vier junge, offenbar gut in die britische Gesellschaft integrierte Muslime dazu, zu Selbstmordattentätern zu werden?

Modood: Die Wurzel ist die Wut, den diese Menschen darüber empfinden, was den Muslimen in der Welt angetan wird. Nicht in England, sondern im Irak und in Israel. Sie denken, dass die Muslime von den USA, Israel und von den Briten - wir sind ja auch im Irak - unterdrückt werden. Die Täter empfinden viel stärkere Solidarität für andere Muslime, als für Briten.

STANDARD: Hat dieses kollektive Identitätsgefühl vieler britischer Muslime etwas mit der britischen Multikulturalitätspolitik zu tun?

Modood: Unsere Politik der Multikulturalität hat sicher einen Platz für die Entwicklung dieser kollektiver Identitäten gelassen. Wir erlauben und fördern es, wenn Einwanderer sagen, sie sind Muslime oder Pakistani. Die britische Gesellschaft fordert nicht, dass Minderheiten ihre Solidarität und ihre Verbindungen zu den Herkunftsländern aufgeben. Aber das ist nicht der Grund für die Anschläge. Es gab auch in Frankreich in den 90er-Jahren und in Spanien, wo es keine multikulturelle Politik gibt und multiple Identitäten nicht gefördert werden, Anschläge. In Frankreich gibt es die selbe Radikalisierung. Der Unterschied aber ist: Frankreich kämpft nicht im Irak.

STANDARD: Waren Sie überrascht, dass die Täter dem Mittelstand angehören?

Modood: Nein. Auch die Täter bei 9/11 waren Mittelständler. Gebildete zählen oft zu den Radikalisiertesten. Das gilt auch für die linken Gruppen in den 60er- und 70er-Jahren. Denken Sie an die RAF oder die Roten Brigaden.

STANDARD: Viele Migranten in Großbritannien leben in Gettos. Wie gut sind die Muslime integriert?

Modood: Ich denke gut. Aber das heißt nicht, dass sich nicht viele als Aliens fühlen. Muslime gehören zu denen, die sich am wenigsten respektiert fühlen. Viele sind erzürnt über Beleidigungen in der Öffentlichkeit, Diskriminierung am Arbeitsmarkt oder Polizeischikanen. Diese Dinge existieren. Aber der Grad der Integration, vor allem in London, ist hoch. Die meisten Migranten sprechen gut Englisch. Das Problem ist nicht die Integration, in dem Sinne, dass Muslime sozio-ökonomisch ausgegrenzt werden. Zur Radikalisierung führt, dass sich manche Muslime nicht als Teil der britischen Gesellschaft empfinden. Sie denken, mit ihren politischen Anliegen allein zu sein.

STANDARD: Wenn es keine Frage der Integration ist, was kann dann gegen die Radikalisierung getan werden?

Modood: Muslime müssen sich als Teil Großbritanniens fühlen. Dazu bedarf es mehr, als die Gettos aufzubrechen. Politiker müssen Signale setzten, Medien Muslime sympathischer darstellen und Muslime müssen in Organisationen mit Nicht-Muslimen eingebunden werden. Das findet kaum statt. Zwei Millionen Menschen demonstrierten vor Ausbruch des Irakkrieges in London. Darunter waren kaum Muslime. Solange die Regierung ihre Irakpolitik nicht ändert, wird primär die Zivilgesellschaft etwas gegen die Frustrationen tun können. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.07.2005)

Das Gespräch führte András Szigetvari

Zur Person

Der Soziologe mit pakistanischen Wurzeln, Tariq Modood, ist Professor an der Universität von Bristol. Seine Schwerpunkte sind Multikulturalitäts- und Migrationspolitik. Modood verfasst regelmäßig Beiträge in der Zeitung Guardian.
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    foto: bristol university
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