Leserbriefaktionen auch in Grazer VP

14. Juli 2005, 19:06
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Schulung war für Praktikanten - Grazer SPÖ-Klubchef Herper verfolgt amüsiert "empörte Distanzierung" von Siegfried Nagl zu seiner Partei

Graz - In der Affäre um den steirischen "Wahlkampfknigge" verlieren jene ÖVP-Politiker, die nichts gewusst haben wollen, in den Augen von SPÖ und Grünen zusehends an Glaubwürdigkeit. Amüsiert verfolgte der Klubchef der Grazer SPÖ, Karl-Heinz Herper, die "empörte Distanzierung" des Grazer VP-Bürgermeisters Siegfried Nagl zu seiner Partei.

Herper legte am Donnerstag ein von Nagl vor wenigen Tagen unterzeichnetes Strategiepapier der Grazer ÖVP vor, in dem Kampagnen im Vorfeld der Landtagswahl aufgelistet werden. Unter dem Titel "Leserbriefworkshops" heißt es wörtlich: "Wie bereits in den vergangenen Wahlkämpfen (Bundespräsidentenwahl und Europawahl) haben wir vor, mit geringem Aufwand und maximaler Wirkung Medienarbeit in Form von gezielten Leserbriefaktionen zu leisten." Weiter heißt es, man wolle mit den Briefen erst "dezenten Wahlkampf" machen und sich dann "besonders in der Schlussphase verstärkt positionieren".

Für den SP-Klubchef beweist die an alle Bezirksobleute verteilte Unterlage, "dass diese Methoden sich für die ÖVP offensichtlich schon lange bewährt haben. Auch in Graz."

Der Klubchef der steirischen VP, Christopher Drexler, ortet indes den eigentlichen Skandal bei den Grünen, die den VP-Leitfaden publik gemacht haben. Das sei "ein grüner Watergateskandal", so Drexler, der den Grünen vorwirft, Spitzel eingeschleust zu haben.

"Lügen-Schulung" für Praktikanten

Der angebliche Spitzel heißt Boris Kuttner und ist Student der Volkskunde. Der 29-jährige erzählte dem STANDARD, warum er bei besagter Schulung war: "Ich habe eine Bekannte begleitet, die sich für einen Ferialjob in der ÖVP beworben hatte. Sie wollte nicht allein zur Einschulung gehen. Ich war dann so fassungslos vom Inhalt, dass ich beschlossen habe, das Papier den Grünen zu geben." Kuttner betont, dass er "nie irgendeiner Partei oder parteinahen Organisation angehört" habe. Im Gegenteil: Ab Herbst sei er unabhängiger Studienrichtungsvertreter an der Uni Graz.

Grünen-Chefin Ingrid Lechner-Sonnek wirft der ÖVP nun vor: "Die ÖVP bezahlt junge Menschen dafür, dass sie Unwahrheiten verbreiten." Über ein Dutzend junger Menschen, zum Teil noch Teenager, seien bei diesem Medienseminar auf Fälschen und Lügen gebrieft worden. Klasnics Parteisekretär, Andreas Schnider, bestreitet das und will Kuttner wegen Verleumdung und Rufschädigung klagen: "Denn ich lasse mir nicht von irgendwelchen fremden jungen Leuten, die hier nie Aufgaben übernommen haben, so etwas vorwerfen." (DER STANDARD, Printausgabe, 15.07.2005)

Von Colette M. Schmidt
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