Merkel: "Habe kein Geheimnis, bin kein Phänomen"

17. Juli 2005, 15:00
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CDU-Chefin sieht ihren Sieg zum Greifen nahe – danach will sie nur mit der FDP regieren

Berlin - Daniel Dagan, Journalist aus Israel, ist zufrieden. Gerade an diesem Donnerstag soll er für die Jerusalem Post über "das Phänomen Angela Merkel" berichten. Und jetzt sitzt ihm die Kanzlerkandidatin leibhaftig gegenüber und kann gleich selbst Auskunft geben.

"Frau Merkel, was ist Ihr Geheimnis, wie konnte ein Mädchen aus dem Osten so weit kommen", fragt er und 80 weitere Journalisten erwarten die Antwort gespannt. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass die CDU-Chefin sich den Fragen der ausländischen Presse stellt. Obwohl viele Kollegen Merkels Weg seit Langem journalistisch begleiten, staunen sie immer noch über deren Karriere.

"Ich habe kein Geheimnis und bin auch kein Phänomen", wiegelt Merkel ab. Der Grund für ihren Erfolg sei einfach: "Den Spaß und die Freude an der Politik habe ich über all die Jahre nicht verloren." Für eine Kanzlerschaft sieht sich Merkel gut gerüstet. Fast acht Jahre lang habe sie in der Regierung Kohl gesessen, jetzt sieben Jahre in der Opposition. "Ich habe also ausreichend Überblick", meint sie selbstbewusst. Eine große Koalition lehnt sie ab: Das würde politischen Stillstand bedeuten. Also stellt Merkel klar: "Ich kämpfe auf Sieg und will dann mit der FDP regieren."

Deutschland werde es danach wieder besser gehen. EU- weit liege man beim wirtschaftlichen Wachstum auf Platz 25. "Ich will in zehn Jahren wieder unter den ersten drei sein", gibt Merkel das Ziel vor. Abgesehen von den gesetzlichen Änderungen, die eine unionsgeführte Regierung angehen wird, will Merkel den Menschen "besser als Rot-Grün" klar machen, dass Deutschland noch viele Jahre lang sparen müsse, weil es hochverschuldet sei.

Außenpolitisch verspricht sie hingegen Kontinuität: Ja, Deutschland werde sich weiterhin an der Demokratisierung des Irak beteiligen, nein, von Russland wolle sie sich nicht abwenden – auch wenn ihr das manche unterstellen. Aber es müsse schon erlaubt sein, etwa zu Tschetschenien, "kritische Fragen" zu stellen.

"Frau Merkel, wer sind Ihre politischen Vorbilder außer Helmut Kohl", möchte eine kolumbianische Kollegin wissen. Hrrmnrr, da muss sich Merkel ein wenig räuspern. "Ich habe eigentlich keine", erklärt sie und ihr Gesichtsausdruck sagt, was sie nicht mit Worten formulieren will: Eigentlich ist auch Kohl längst kein Vorbild mehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.07.2005)

Von Birgit Baumann aus Berlin
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    Angela Merkel - siegessicher.

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