Kunst- und Wunderkammern: Alles, was "fremd und seltsam" ist

20. Juli 2005, 21:32
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Das Kunsthistorische Museum zeigt Kuriosa als Sonderausstellung

Wien – Die Aufklärer hatten sie als "eine Menge unnützen Plunders" bezeichnet – die Kunst- und Wunderkammern, die ab dem 14. Jahrhundert in Europa entstanden. Ein bisschen weniger abgeklärt versetzen einen die durchwegs glänzenden Objekte aber schon deswegen in Erstaunen, weil sie von der Zeit und den Welt anschauungen ihrer Besitzer erzählen: "Alles zu besitzen, von dem man Kenntnis hat", war das unbescheidene Ziel von Kaiser Rudolf II., und Erzherzog Ferdinand II. trug eine umfassende Kunst- und Kuriositätensammlung zusammen, die das Universum im Kleinen widerspiegeln sollte.

Die beiden Herrscher aus dem Hause Habsburg, auf deren Sammlungen die seit 2002 geschlossene Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums basiert, beauftragten auch "Kunstagenten" mit dem Aufspüren von außergewöhnlichen Gegenständen: Goldschmiedearbeiten, Holz- und Elfenbeinschnitzereien, wissenschaftliche Instrumente und Uhren, aber auch Exotica, Kuriosa und Mirabilien wie etwa Straußeneier oder Bezoare. Letztere bilden sich in Magen und Darm einiger Wiederkäuer und waren im 18. Jahrhundert als Talisman gegen diverse Krankheiten gebräuchlich.

In der rund 70 Objekte umfassenden Sonderausstellung Meisterwerke aus den habsburgischen Kunst- und Wunderkammern im KHM ist ein in Gold und Edelstein gefasster Bezoar zu sehen, der auch psychische Krankheiten wie die Melancholie vertreiben sollte.

Figurenuhr mit Pfeil

Gegen die unter den Habsburgern grassierende Schwermut half aber sicher auch die kleinteilige Goldschmiedearbeit, die Hans Jacob Bach mann um 1605 kreierte. Die mechanische Figurenuhr zeigt die Jagdgöttin Diana auf einem Kentauren. Setzte man das Triebwerk im Sockel in Gang, rollte der Kentaure die Augen und schoss einen Pfeil ab. Der Gast, in dessen Richtung der Pfeil flog, hatte einen Trinkspruch auszubringen und seinen Becher zu leeren.

Neben weiteren Trinkspielen befanden sich auf den Tischen der Habsburger natürlich auch prunkvolle Schalen und Pokale. Der Michaelsbecher (um 1530/40) kam als eines von vier Geschenken Karls IX. in den Besitz von Erzherzog Ferdinand II. Das kunstvoll gefertigte Gefäß ziert u.a. ein Relief mit bacchantisch-erotischen Motiven.

In der Wiederbelebung der antiken Sagenwelt konnten die Künstler des Barocks auch diese diesseitigen Themen bearbeiten: die Figurengruppe Apollo und Daphne (um 1680/85) des Tiroler Elfenbeinschnitzers Jacob Auer zeigt eine Szene aus den Metamorphosen, in der Apollo gerade Daphne nachstellt, und die beiden Bronzebüsten Bacchus und Ariadne (um 1520/25) von Jacopo Alari-Bonacolsi erzählen von den hedonistischen Zügen der Gesellschaft, die diese Kunstwerke bestaunte.

"Ein siczendes weibsbild mit einem cranz" wurde vor drei Jahrhunderten ebenfalls als "Bacchantin" inventarisiert. Ihr Stier, auf dem sie nunmehr wieder als Europa und der Stier erkennbar ist, wurde dieses Jahr bei Sotheby's versteigert. Aufgrund eines Loches wurde er 1923 abgegeben, und dieser Makel veranlasste auch die KHM-Kuratorin Claudia Kryza-Gersch, die beiden Figuren nunmehr wieder zusammenführten.

Von der geraubten Saliera ist dagegen nichts Neues zu vermelden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.7.2005)

Von Christa Benzer

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khm.at

Bis 18. 9.

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