Hühnerurlaub

17. Juli 2005, 20:06
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Und dann war es plötzlich still. Ganz ohne Intervention unsererseits. Dabei hatten wir schon so einen schönen ...

Es war letzten Sonntag. In der Früh. Aber A. und alle unsere Nachbarn behaupten, dass es schon länger so sei. Still nämlich. Und dabei hatten wir uns schon auf den Streit gefreut. Weil bekanntlich nichts mehr eint, als ein gemeinsamer Feind.

Aber damit müssen wir jetzt vermutlich warten. Weil der Hahn nicht mehr kräht. Und zwar ohne dass wir uns aufplustern mussten: Eines Morgens war da nichts mehr. Keine "Kiker". Kein "iki". Kein Scharren. Kein Gackern. Kein Flattern. Nicht ein Piep: Aus dem Bretterverschlag am Nachbardach dringt kein Laut mehr.

Hinterhofärger

Wir hatten das eigentlich anders geplant gehabt. Weil – siehe auch Stadtgeschichte "Hühnergeschrei" – es uns in unserem kleinen, ruhigen Hinterhof allen auf die Nerven gegangen war, dass da am benachbarten Flachdach einer offensichtlich nichts Besseres zu tun wusste, als Hühner zu halten. Mitten im fünften Bezirk.

Nicht, dass wir Hinterhöfler einem anderen Menschen prinzipiell sein Hobby mies machen wollten: Die Hühner waren uns ja auch ziemlich wurscht. Aber der dazugehörige Hahn trieb uns zur Weißglut. Weil er tat, was Hähne tun: Den Tag lauthals begrüßen, sobald eine Idee von Sonnenlicht den Horizont streichelte. Im Mai war das nie nach halb sechs Uhr in der Früh. Im Juni gegen Fünf. Spätestens.

Wehrgemeinschaft

Wir munitionierten uns auf: Mein Job war es einschlägige Hühner-Presseartikel zu sammeln (erstaunlich, was es da alles in und um Österreich schon an bizarren Kikeriki-Verfahren gegeben hat). Ein Nachbar holte anwaltlichen Rat. Ein anderer – Parteimitglied, versteht sich - wollte beim Bezirksvorsteher vorfühlen. Ein Dritter bereitete einen Brief an den Hühnermenschen und Tierschutzorganisationen vor. Und jeden Tag in der Früh konnten wir uns grimmig-entschlossen zunicken: Das Tier, waren wir uns einig, musste weg. Oder zumindest verstummen.

Und dann war es plötzlich still. Ganz ohne Intervention unsererseits. Dabei hatten wir schon so einen schönen Ablaufplan bereit gehabt. Und waren insgeheim erstaunt, zu welchen spießbürgerlich-obrigkeitsstaatlichen Höhenflügen uns so ein harmloses Vieh treiben konnte: Wir würden, hatte A. unseren (Herren-)Kriegsrat einmal kopfschüttelnd verlassen, zusehends zu Anrainern. Das sei prinzipiell fürchterlich. Aber im konkreten Fall ... und so weiter.

Stille

Aber der Hühnermann war uns zuvor gekommen: Eines Tages war es still. Mucksmäuschenstill: meine innere Uhr hatte mich geweckt. Ich war auf "wutschnaubend ärgern" gepolt. Es wurde fünf Uhr früh. Nichts. Halb sechs. Nichts. Sechs. Nichts. Ich schlief wieder ein – und wurde auch stunden später von keinem Hahn geweckt.

In unserem Hinterhof herrscht nun Katzenjammer. Langsam geht uns der einende Gesprächsstoff aus. Irgendwann werden wir beginnen, uns gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Und heute Nachmittag, als wir uns am Koloniakübel trafen, gab dann mein Nachbar - der, der am lautesten über Methoden, einen Vogel lebendig zu braten nachgedacht hatte – zu, dass ihm das Gekrähe mittlerweile fast fehle.

Hoffnung

Aber wir haben doch noch Hoffnung. Schließlich ist Urlaubszeit. Und auf dem Flachdach gegenüber ist nicht nur Hendlpause, sondern auch sonst nichts los. Vielleicht hat unser unbekannter Feind und Hühnerfreund das Federvieh ja mit in den Urlaub genommen. Einem Menschen, der mitten in der Stadt Geflügel züchtet, meint mein Nachbar, sei das durchaus zuzutrauen. Darum hoffen wir auf den Herbst. Und darauf, dass wir uns dann endlich wieder richtig ärgern können.

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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