Billigflieger unter Druck

31. Juli 2005, 18:24
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Experten warnen vor sinkenden Wachstumsraten - wegen drohender Bereinigung müssen Billigflieger Expansionsstrategie überdenken

Frankfurt - Am Flughimmel über Europa wird es eng. Die fünf größten Billigflieger haben allein 334 neue Flugzeuge geordert - Experten warnen aber vor sinkenden Wachstumsraten. Es gilt als sicher, dass einige Anbieter den Konkurrenzkampf nicht überleben werden. Beschleunigt wird der Ausleseprozess jetzt von den großen Linienfluggesellschaften wie AirFrance-KLM oder Lufthansa, die mit eigenen Billig-Aangeboten zur Gegenwehr rüsten.

Jahrelang nahmen die etablierten Fluglinien den Erfolg der Dumpinganbieter wie Ryanair, EasyJet oder Air Berlin hin, die mit wenig Service und niedrigen Gehältern Tiefpreise offerieren. "Die Linienfluggesellschaften müssen dagegen halten, sonst ist ihr Netzwerk in Gefahr", sagt Luftfahrt-Analyst Uwe Weinreich von der HVB. Nur mit ausreichend Zubringerflügen aus Deutschland und Europa lasse sich ein Langstreckenflug regelmäßig füllen. "Für eine Strecke Frankfurt-Hongkong braucht man 50 bis 80 Zubringerflüge", sagt Weinreich.

Gegenwehr der Großen

Lufthansa reagiert mit Einzelaktionen auf die Konkurrenz, senkt die Preise immer mal wieder auf verschieden Strecken, ohne dafür groß die Werbetrommel zu rühren. Die mit Air France fusionierte niederländische KLM senkte ihre Preise gezielt auf der Strecke Berlin-Amsterdam und trat damit Air Berlin entgegen. Außerdem hat die Fluglinie eine eigene Billigtochter Transavia gegründet. Die Taktiken zeigen schon Wirkung. Bei der Lufthansa stiegen die Passagierzahlen in Deutschland zuletzt wieder. Und die großen Billigflieger Ryanair und Easyjet kommen hier zu Lande längst nicht wie erhofft voran.

Wegen der drohenden Bereinigung auf dem Luftfahrtmarkt - von Ryanair-Chef Michael O'Leary seit langem als "Blutbad" unter den Fluglinien vorhergesagt - müssten die Billigflieger ihre Expansionsstrategie mit immer neuen Flugzeugstellungen überdenken. "Die vielen Flugzeugbestellungen gehen am Bedarf vorbei", sagt Lucio Pompeo von der Unternehmensberatung McKinsey. Die Zeiten mit durchschnittlich 50 Prozent Zuwachs bei den Billiganbietern seien vorbei. In den kommenden Jahren sieht McKinsey europaweit gut zehn Prozent mehr Billigfluggäste pro Jahr. Allein Ryanair mit 148 Flugzeugbestellungen muss aber bis 2012 die Passagierzahlen auf 70 Millionen im Jahr verdoppeln, um alle neuen Flieger zu füllen. Ebenso setzt Easyjet mit 70 neuen Maschinen auf ungebremstes Wachstum. Air Berlin würde mit den 60 Neubestellungen die Kapazitäten mehr als verdoppeln, äußert sich aber bereits vorsichtig. "Wir sind flexibel. Wir können auch nur alte Maschinen ersetzen", sagt Unternehmenschef Joachim Hunold.

Überkapazitäten in Sicht

Luftfahrtberater Christoph Brützel bezweifelt, dass die vielen neuen Flugzeuge alle zusätzlich eingesetzt werden. "Egal, wer dann die alten Maschinen übernimmt. Am Ende kommt es im Gesamtmarkt zu Überkapazitäten, so dass die Preise in den Keller gehen", sagt Brützel. Die Preise sind schon jetzt ausgereizt. Hohe Ölkosten sorgen zusätzlich für Ertragsprobleme. Nur zwei Billiganbieter - Ryanair und Easyjet - weisen ordentliche Gewinne aus. Germanwings, Billigtochter der Lufthansa-Beteiligung Eurowings, und die vom Reisekonzern TUI gegründete HLX haben gerade erst die Gewinnschwelle passiert. Die Münchner dba sucht nach einem Investor, um neue Maschinen zu finanzieren. Und die großen Ferienfluggesellschaften wie Condor, LTU und Hapagfly (ehemals Hapag-Lloyd) kämpfen mit Niedrigpreisen um Kunden.

Fliegen bleibt also für Reisende auch künftig günstig, und das zunehmend auch bei Traditionsfliegern wie Lufthansa. Die allerdings vermeidet jede Äußerung, die als Billigstrategie verstanden werden könnte. "Wir wollen aber auf keinen Fall in die Nähe von Billigcarriern gerückt werden. Das würde unser Image gefährden", sagt ein Lufthansa-Mitarbeiter. "Aber wir lassen uns noch einiges einfallen. Hamburg ist eine Option."

Experimentierfeld

Der für das Zubringergeschäft wichtige Flughafen Hamburg gilt Lufthansa-intern trotz Dementis als mögliches Experimentierfeld für ein verstärktes Billigangebot. Entschieden sei nichts, heißt es. Denn im Hintergrund streitet Lufthansa mit der Pilotengewerkschaft darum, dass sie Piloten zu den niedrigeren Gehältern der Regionaltöchter einsetzen darf. HVB-Analyst Weinreich traut den Etablierten einiges zu. "Die Großen haben mehr Substanz und können wichtige Strecken auch eine Weile mit Verlust zu fliegen", sagt Weinreich. "Lufthansa hält das jedenfalls länger durch, als so manch anderer Anbieter." (APA)

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