Ablaufdatum

2. Jänner 2007, 13:12
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Schaumloses Bier und Flankerln im Kaffee - Oder: Mündige Konsumenten, denen das Ablaufdatum gestohlen bleiben kann

+++Pro
Von Doris Priesching

Haben Sie jemals altes Bier getrunken? Ich ja, und zwar zu einem Zeitpunkt, als ich noch gar nicht wusste, dass es bei Bier überhaupt Ablaufdaten gibt. Bis dahin war ich sicher, Bier müsste etwas für die Ewigkeit sein. Von deprimierend schaumlosem Äußerem und entsprechend trübem Geschmack war das ein unvergesslich abscheuliches Erlebnis.

Oder die Milch im Kaffee: Weiße Flankerln im morgendlichen Lebenselixier - allein der Gedanke erzeugt Schüttelfrost. Grausig auch Schimmel im Marmeladeglas, grünliches, stinkiges Fleisch, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Warum soll, vielmehr darf man sich dem von vornherein und auf gar keinen Fall aussetzen? Erstens weil wir es, wie der Name schon sagt, mit einem "Lebens- Mittel" zu tun haben: Etwas, das lebt, muss zwangsläufig auch vergehen, und dann ist es hin, verdorben, ungenießbar, schlimmstenfalls gesundheitsschädlich. Zweitens hat mich das Biererlebnis geprägt, und insgeheim weiß ich drittens um die bisweilen großzügige Interpretation von Ablaufdaten. Nur weil ich das Schlagobers im Supermarkt um 25 Prozent billiger bekomme, führe ich mir doch nicht potenziell verdorbene Ware zu. Das wär's noch.

Manch einer könnte nun entgegnen, nicht alles, wo Ablaufdatum draufsteht, sei deshalb auch gleich ungenießbar. Vielleicht - nur: In solchen Situationen geht man besser kein Risiko ein, nur so lassen sich schaumloses Bier und Flankerln im Kaffee verlässlich vermeiden.



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Contra---
von Christoph Winder

Nicht dass der Verfasser dieser Zeilen prinzipiell etwas gegen den Fortschritt einzuwenden hätte, ganz im Gegenteil. Er schätzt das Internet ebenso sehr wie Flachbildschirme und DVDs. Dennoch hat dieser Fortschritt auch eine ganze Anzahl von eindeutig zweideutigen Errungenschaften mit sich gebracht, von Dingen, die klar in die Rubrik der zeitgenössischen Komfortgräuel fallen.

Dazu zählen multiple Feuchtigkeitsstreifen in Wegwerfrasierern, rechtsdrehende Joghurts, pick süße Alkopops, vor allem aber das Ablaufdatum auf Lebensmittelpackungen. Es ist eine fragwürdige Unsitte, ein Datum auf Milchkartons, Butterdosen oder Käsefolien aufzustempeln, welches angeblich den Zeitpunkt markieren soll, bis zu dem das Produkt "mindestens" haltbar sei.

In Wahrheit leistet man mit diesem unnötigen Service einer Verzärtelung und Verweichlichung des Konsumenten Vorschub, und lediglich ein ausgesprochener Warmduscher wird sich bei der Beurteilung der Essbarkeit eines Lebensmittels auf das Ablaufdatum verlassen. Harte Mädel und Burschen hingegen stecken beherzt ihr Riechorgan in Karton, Dose, Tube oder Folie und entscheiden dann nach Kenntnisnahme der entweichenden Duftnoten frei und selbstbestimmt darüber, ob sie den Inhalt nun für genießbar, verfault, verschimmelt oder vergammelt halten.

Für Menschen, die Wert darauf legen, als mündige Konsumenten betrachtet zu werden, ist dies die einzig statthafte Methode. Das Ablaufdatum kann ihnen gestohlen bleiben. (Der Standard/rondo/8/7/2005)

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    foto: schatz
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