Party der Entgrenzung

20. Juli 2005, 21:27
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Eine 5-CD-Box und eine frühe Aufnahme von Friedrich Gulda, dem unberechenbarsten Pianisten des 20. Jahrhunderts

Die Musikgeschichte lässt sich als fortschreitender Prozess der Spezialisierung und Arbeitsteilung verstehen, der die Einheit von Interpret und Komponist längst gesprengt hat. Mittlerweile hat man eine Situation, in der drei Profigruppen (Komponist, Interpret und Dirigent) gemeinsam am Gelingen musikalischer Prozesse arbeiten. Hand in Hand mit dieser Arbeitsteilung geht bei manchen Musikern aber auch das Gefühl eines Verlustes einher. Die Sehnsucht, als kompletter Musiker dem Wesen des Klanglichen nahe zu kommen, ist allerdings ob der technischen Anforderungen nur von wenigen umzusetzen. Leonard Bernstein bleibt als stilübergreifende Fusion von Komponist und Dirigent unerreicht. Daniel Barenboim, einst Klavierwunderkind, sucht mitunter als gefeierter Dirigent - hochmusikalisch Klavier spielend - den Kontakt "zum direkten Klang". Auch Oboist Heinz Holliger komponiert auf höchstem Niveau. Und auch Pierre Boulez hat es geschafft, als Dirigent nicht hinter dem Komponisten Boulez zurückzustehen.

Am radikalsten und mitunter auch am tragischsten hat aber Friedrich Gulda das Feld des Universalismus beackert. Als frühreifes Klavierwunder durchlebte er schnell die Rolle des reisenden Virtuosen und zog es bald vor, dieser "Enge" zu entfliehen. In den Jazzclub. Ins Komponieren. Schließlich in eine Philosophie, welche die Gleichwertigkeit von Stilen postulierte und vielseitige Potpourri-Konzerte ergab. Zum Schluss hin glichen seine Abende Clubbings, bei denen er Go-go-Girls und DJs auf die Bühne bat, glichen Partys, die zartesten Mozart erklingen ließen. Doch wehe, man lobte ihn nur für seine Interpretationsarbeit . . . Dem normalen Klassik-Konzertbetrieb war er längst abhanden gekommen, dafür spielte er mit Medien, versuchte eine Meldung über seinen eigenen Tod zu lancieren, um dann in Salzburg Wiederauferstehung zu feiern.

Das musikalische Ergebnis seiner Universalität lässt sich nun anhand der 5-CD-Box "Midlife Harvest" (Universal) nachhören. Es handelt sich dabei um eine 1973 erschienene Rarität, mit der Gulda damals Teile seiner Arbeit als 9-LP-Box in einer Auflage von nur 2000 limitierten, handsignierten Exemplaren veröffentlichte. Es enthält die grantig-tiefsinnigen Gesänge der Kunstfigur Albert Golowin, präsentiert eine Menge hochkarätiger Jazzer wie Pepper Adams, Ron Carter, Freddie Hubbard, J.J. Johnson wie Kenny Wheeler und zeigt Gulda als freien Improvisator und Crossoverfreund. Vieles ist da plakativ, innerhalb klassischer Formen wird da wild gemixt. Was gleich wert ist, gehört musikalisch nicht immer zusammen. Doch immer wieder, wenn Gulda zur Einfachheit des Arrangements zurückkehrt, erlebt man Augenblicke der Tiefe.

Wer den ganz frühen, früh vollendeten Gulda kontaktieren will, der besorgt sich "The First Recordings" (Universal). Da lässt sich die rhythmisch prägnante Arbeit des 17-Jährigen nachhören, die Wucht und auch die Zartheit des Spiels nacherleben. Trotz "Knisterbegleitung" kann sich Guldas Charme ungestört entfalten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.7.2005)

Von Ljubisa Tosic
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    Friedrich Gulda 1999

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