Unterm Hollerbusch

4. Oktober 2005, 11:15
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Serie Berg- und talwärts: Der Holunder ist der Star im diesjährigen "Salzburger Almsommer"

Links von der Hütte wuchert ein üppiger Holunderbaum über Holzwand und Dach, rechts versucht ein noch junger Busch, es ihm gleichzutun. Und vor der Bartlhütte, einer Aussichtskanzel mit Panoramablick auf Wolfgang- und Mondsee, wird kredenzt, was die saftigen Holunderdolden zwischen schneeweißer Blüte (von Ende Mai bis Juli) und tiefschwarzer Frucht (zwischen Juli und September) hergeben: Hollerblüten, knusprig in Teig herausgebacken, zarte Krapfen mit Hollerkoch, oder Hollerröster. Gegen den Durst Hollersaft, hell aus den Blüten, dunkel aus den Beeren, und zur Verdauung Hollerschnaps und Hollerlikör.

Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) ist tief in Mythologie und Volksmedizin verankert. Der Baum war Wohnung von Erdgöttern und galt als Fruchtbarkeitssymbol. Er durfte nicht gefällt werden, aus seinem Holz wurden die Riegel für Ställe geschnitzt, und junge Frauen benutzten ihn als Liebesorakel. Blüten und Beeren wirken schweißtreibend, schleimlösend und entzündungshemmend, Vitamine und Mineralstoffe stärken das Immunsystem. Und wer zu Johanni Holunderkuchen isst, springt angeblich am weitesten über das Sonnwendfeuer.

Was Wunder, dass die Touristiker, die nie verlegen sind, wenn es um die Vermarktung von regionalen Kuriosa geht, auch auf den Holler kamen, der auf und um Almen herum üppig gedeiht. Als der Almtourismus - mit Almgottesdiensten, Mountainbiketouren und Almsagen - heuer zum "Salzburger Almsommer" erklärt wurde, erfanden die Ferienregionen Fuschlsee und Wolfgangsee die "Holleralmen" und ließen diesen Namen auch gleich unter Schutz stellen. Nicht jede Alm, auf der ein Hollerbaum wächst, darf sich deshalb auch Holleralm nennen. Die Bartlhütte auf 1060 Metern Seehöhe ist eine namentlich geschützte Holleralm, und sie hat einen Vorzug, der gleichzeitig ein großer Nachteil ist: Nur fünf Minuten unter der Hütte endet die öffentliche Fahrstraße herauf vom Fuschlsee an einem Großparkplatz.

Das heißt, dass an schönen Sommerwochenenden hunderte von Bustouristen die Alm "erklimmen". Das fidele Wirtsehepaar begegnet dem Ansturm mit einer Mischung aus reschem Witz, stoischer Ruhe und der Aussicht, sich am Ende des Tages mit einer vollen Kasse selbst wieder ins Tal zurückziehen zu können.

Das genaue Gegenteil der Bartlhütte ist die Gruberalm. Vom Parkplatz im Weiler Lämmerbach rund fünfzig Höhenmeter über dem stillen Hintersee geht es zuerst auf einer Forststraße und dann auf einem steilen Weg vorbei an Sturzbach und Wasserfall durch den Wald. Eine Dreiviertelstunde dauert der Anstieg durch leichten Nieselregen, bis wir um neun Uhr bei der Alm ankommen. Es sind Ferien, daher durften die jüngsten der Kinder lange schlafen. Für die Almbauern hat der Tag aber schon um vier Uhr begonnen, mit dem Melken des Viehs und dem Abtransport der Milch. Jetzt treibt der Bauer die Kühe auf einen Weideboden unter einer Karrinne, in der noch Schnee liegt, und die Bäuerin heizt ein, zündet in der dunklen Stube ein paar Kerzen für uns an, und beginnt, den Teig für die Krapfen zu kneten.

Der muss frisch gemacht werden, damit die tellergroßen Bauernkrapfen, zart wie ein Flaum, auf der Zunge zergehen. Im Winter wohnt die Familie unten im Tal auf ihrem Bauernhof, im Frühjahr ziehen alle zusammen auf die Gruberalm, ohne Strom, ohne Fernsehen. Die schulpflichtigen Kinder müssen während der Woche um sechs Uhr ins Tal, das fördert die Kondition. Eine der Töchter ist Landesschülermeisterin im 2000-Meter-Lauf. Gelabt und gestärkt machen wir in der Stube der Gruberalm zwei ankommenden Familien mit Kindern Platz und bedauern, nicht unsere Schlafsäcke mitgebracht zu haben. Dann könnten wir nämlich in der Almhütte im duftenden Heu übernachten. (Der Standard/rondo/15/7/2005) Infos: Salzburgerland Tourismus:
Tel.: 0662 / 668 844, info@salzburgerland.com<,>
Fuschlsee Tourismus GmbH.:
Tel.: 06226 / 83 84-0,
info@fuschlseeregion.com
www.fuschlseeregion.com
Literatur: Gertraud Steiner, "Salzburger Land: Sagen und Mythen entdecken auf
Salzburger Almen", 34 Almen mit Wegbeschreibungen und Karten, Tyrolia-Verlag

Von Horst Christoph
  • Blick von der Alm auf den Fuschlsee
    foto: urlaubsregion fuschlsee

    Blick von der Alm auf den Fuschlsee

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