Pressestimmen: Europa könnte mehr tun

15. Juli 2005, 21:47
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"Kinder des Islam fallen dem fanatischen Barbarismus als Erste zum Opfer"

Paris/Rom/Brüssel - Die Folgen der Terroranschläge von London beschäftigen auch am Donnerstag zahlreiche europäische Pressekommentatoren:

Le Figaro

"Das britische Modell der Integration von Muslimen ist kein Schutzwall gegen den Extremismus von Islamisten. Für die Briten dürfte diese Erkenntnis ebenso unerwartet kommen wie für die Niederländer, als ihre Gesellschaft der Toleranz durch den Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh durch einen Integristen erschüttert wurde. Der britische Premierminister Tony Blair will zu Recht die britische Lebensart erhalten. In Großbritannien sollten auf keinen Fall antimuslimische Gewalttaten zunehmen. Die wären genau das, was die Terroristen erwarten."

Corriere della Sera

"Das Sondertreffen der EU-Innenminister in Brüssel und die Rede des britischen Innenministers Charles Clarke vor dem Europaparlament sind Anzeichen dafür, wie sehr die europäische Zusammenarbeit als wesentliches Element für einen wirksamen Kampf gegen den Terrorismus angesehen wird. Aber dass die nach den Attentaten von Madrid beschlossenen gemeinsamen Aktionen nur langsam fortschreiten, ist ein Anzeichen dafür, wie sehr die Fähigkeit der Union, sich als politische Einheit zum Handeln zu entschließen, noch eingeschränkt ist. Es besteht kein Zweifel daran, dass ein wirklich vereintes Europa wesentlich mehr tun könnte."

de Volkskrant

"Blair zog sofort einen Trennungsstrich zwischen den Tätern und der großen Mehrheit loyaler, gutwilliger Muslime in seinem Land. Diese Unterscheidung bleibt selbstverständlich gültig. Aber die Erkenntnis, dass die Muslim-Gemeinschaft einen tödlichen Krankheitskeim trägt, ist unwiderlegbar ein schwerer Wechsel auf die Toleranz einer Gesellschaft. Das ist kein besonderes britisches Problem. Der Kampf muss vor allem in der islamischen Welt gewonnen werden, wo die gemäßigten Kräfte hoffentlich von der Notwendigkeit durchdrungen werden, extremistische Verführungen im Keim zu ersticken."

"La Libre Belgique" (Brüssel):

"Alle Anstrengungen Europas zur Ausrottung des islamistischen Terrorismus bleiben vergeblich, wenn die unter ihrem Extremismus leidende islamische Welt und ihre politischen und religiösen Führer ihr Schicksal nicht selbst in die Hand nehmen, indem sie diese faschistische Ideologie anprangern, ihr jede Glaubwürdigkeit absprechen und ihre finanziellen und personellen Ressourcen trockenlegen. Denn das Schlachten von Bagdad am Mittwoch hat es noch einmal grausam gezeigt: Es sind die Kinder des Islam, die diesem fanatischen Barbarismus als Erste zum Opfer fallen."

"Information" (Kopenhagen):

"Unter Sachkundigen besteht kein Zweifel, dass der internationale Terrorismus sich in eine neue, beunruhigende Phase bewegt hat. Die Kennzeichnung der vier Täter bei den Anschlägen in London durch die britische Polizei als junge, im Land geborene eigene Staatsbürger mit pakistanischen Wurzeln ist (...) ein Wirklichkeit gewordener Albtraum schlimmster Art. Denn die Terroristen sind 'Eigengewächse'. Sie sind Produkte der britischen Gesellschaft und keine (...) entsandten Heiligen Krieger."

Tages-Anzeiger, Zürich

"Können der Staat und seine Sicherheitskräfte gegen diese Art von Terrorismus überhaupt etwas tun? Die nüchterne Antwort lautet: Nein. Der britischen Polizei dürfte es zwar gelingen, die Drahtzieher zu finden, welche diese jungen Briten als Kanonenfutter des Jihad in den Tod geschickt haben. Damit lassen sich weitere Attentate der gleichen Auftraggeber verhindern. Andernorts, so steht zu befürchten, leben aber bereits weitere Heißsporne, die den Wahn vom Märtyrertod hegen und nur auf den Befehl warten, diesen in die Tat umzusetzen."

"Basler Zeitung":

"Die unfassbare Bedrohung vergiftet das gesellschaftliche Klima. Sie schürt Misstrauen und Verdächtigungen gegenüber der muslimischen Minderheit und verleitet zu Racheakten. Gegen die terroristische Bedrohung von innen ist guter Rat teuer. Gewiss lassen sich polizeiliche Kontrollen und die geheimdienstliche Überwachung verbessern. Aber ganz unterbinden lassen sich diese perfiden Anschläge nie. Zudem entsteht ein unauflösbarer Zielkonflikt: Jede zusätzlich ergriffene Anti-Terror-Maßnahme rührt an die Substanz von Demokratie und Freiheit. Und damit wird den Terroristen und ihren ideologischen Hintermännern letztlich in die Hände gespielt: Ihr Ziel ist die Zerstörung der westlichen Gesellschaft."

"Berner Zeitung":

"Mindestens einer der Attentäter von London reiste vor Kurzem ins Land seines Vaters. Genauso wie die verzweifelten Guantánamo-Briten, die nach dem Irak-Krieg nach Afghanistan flüchteten und bei Osama Bin Ladens Schülern Rat suchten. Angeblich 3000 britische 'Secondos', Angehörige der zweiten Ausländergeneration, fanden so ihr Heil bei irre geleiteten Schicksalsgenossen. Al-Kaida steht nicht allein für eine kompakte Organisation, sondern auch für eine explosive Mischung aus Unverständnis und Frust..."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Die raschen Fahndungsergebnisse der britischen Polizei ermöglichen den Sicherheitsbehörden, erste Lehren aus den Terroranschlägen in London zu ziehen. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass es islamistischen Terroristen offenbar zum ersten Mal gelungen ist, in Europa Selbstmordanschläge zu verüben. Es gab zwar schon einzelne Fälle von Personen, die in Frankreich und Großbritannien geboren waren und sich in Israel oder im Irak in die Luft sprengten. Der erste große Anschlag in Europa, die Bombenexplosionen in vier Madrider Pendlerzügen am 11. März vergangenen Jahres, war aber noch mit Hilfe von Fernzündern ausgeführt worden. Erhärten sich die Hinweise auf Selbstmordattentäter in Großbritannien, dann sei eine 'neue Qualität' entstanden, sagen deutsche Sicherheitsbeamte."

Neue Zürcher Zeitung

"Der amerikanische Einmarsch im Irak war als Terrorbekämpfung gewiss fragwürdig und hat sich im Nachhinein nicht gerechtfertigt. Die Geschichte hat allerdings ihr Urteil noch nicht gegeben, und es ist nicht angebracht, die gleichzeitige Befreiung des Irak von Saddam Hussein als Terror zu bezeichnen. Die anhaltende gemeine Gewalt in diesem Land hat tragischerweise auch damit zu tun, dass Folterer und Unterdrücker in den Opfern noch lange nach deren Befreiung wirksam sind durch Furcht, Schweigen und Hoffnungslosigkeit, während die ehemaligen Mitläufer zu Opportunisten werden. Die pseudoreligiösen Fanatiker werden auch in uns ein Angstregime aufbauen in dem Maße, wie wir erpressbar sind. Denn nichts ist leichter, als in unserer verletzlichen Gesellschaft wahllos Menschen umzubringen, von biologischer, chemischer oder gar atomarer Bedrohung abgesehen. Wenn man Erpressern ein Tatmotiv zubilligt und ihnen die ganze mediale Bühne zur Verfügung stellt, dann wird man sich nicht wundern müssen. Vielleicht haben wir uns diese Krise tatsächlich selber eingebrockt."

"Il Messaggero" (Rom):

"Der Terrorismus klopft an die Tür Italiens. Und Innenminister (Giuseppe) Pisanu geht zum Gegenangriff über. Die Operation beginnt im Morgengrauen, Tausende Polizisten in ganz Italien - von Turin bis Ragusa, von Ancona bis Caserta (...) - dringen in die Häuser von Hunderten Einwanderern ein, ohne dabei zwischen den reichen Behausungen der Imame und den zerfallenen Unterkünften der illegalen Flüchtlinge zu unterscheiden. Eine gemeinsame Operation von Polizei und Carabinieri (...), die losbricht, nachdem der Innenminister davor gewarnt hat, dass Italien Zielscheibe des internationalen Terrorismus sein könnte. Schlimmer noch: Das nächste Ziel."

"De Standaard" (Brüssel):

"Das Sondertreffen der Justiz- und Innenminister hat keine konkreten Ergebnisse gebracht. Die wurden auch nicht direkt erwartet. Wohl wurden Verpflichtungen erneuert, frühere Beschlüsse über mehr Zusammenarbeit in die Tat umzusetzen. Kommende Woche wird die EU-Kommission Vorschläge über das Speichern von Telefon- und E-Mail-Daten vorlegen. Im Grundsatz herrscht darüber nun so gut wie Einigkeit. Aber am Rande des Sondertreffens gab es (...) einen auf den ersten Blick völlig unbegreiflichen Streit zwischen den französischen und britischen Ministern, der den heiklen Charakter des Informationsaustauschs zwischen den Mitgliedstaaten bloßlegte." (APA/dpa)

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