Grün ist auch die Hoffnung

15. Juli 2005, 12:57
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Badi Assad, eine der stiloffensten brasilianischen Musikerinnen, gastierte Donnerstags beim Jazzsommer Graz

Graz - Es wurde aber auch Zeit. Ja, lange hat es gedauert, bis Badi Assad, die schon seit Jahren als eine der stiloffensten brasilianischen Musikerinnen der mittleren Generation gehandelt wird, unsere Breiten beglückte. Im April feierte die Sängerin und Gitarristin im Wiener Reigen mit eigener Band ihr spätes Österreich-Debüt, am Donnerstag gastierte sie im Rahmen des Saitengipfeltreffens mit Larry Coryell und John Abercrombie beim Grazer Jazzsommer: ein Publicityschub, der ins Bild einer soeben erfolgreich relaunchten Karriere passt.

Singer/Songwriter-Hoffnung

Assad hat Jahre relativer Szene-Absenz hinter sich: Neben einer Bewegungsstörungserkrankung der Hände, deren langwierige Heilung eine Auszeit für die Gitarristin bedeutete, hatte sie privat eine Scheidung zu verdauen. 2001 war Assad nach vier Jahren in den USA in die Heimat zurückgekehrt. Erfahrungen, die in ihr neues Album "Verde" (Edge Music/Universal) eingeflossen sind, mit dem sie - zwischen Bezügen auf die archaische, afrikanischstämmige Maracatú-Tradition und aparten Neudeutungen von Björks Bachelorette - endgültig den Wandel von der singenden Gitarristin zur Singer/Songwriter-Hoffnung im Geiste der Musica Popular Brasileira vollzogen hat.

"Der Titel 'Verde', also Grün, steht für die Fotosynthese, für das Prozesshafte anstatt eines fertigen Produkts", so die quirlige, nunmehr in São Paulo ansässige Musikerin. "Wenn man den Urwald von Weitem betrachtet, erscheint er als homogenes Ganzes, erst aus der Nähe erkennt man - harmonisch zusammenklingend - die unterschiedlichen Abstufungen, Schattierungen. Grün steht für Brasilien. Und: Grün ist natürlich auch die Hoffnung."

Hoffnung ist eines der Worte, das im gesellschaftspolitischen Diskurs Brasiliens zurzeit omnipräsent ist - an dem Assad regen Anteil nimmt: Präsident Luiz Inácio Lula da Silva vulgo "Lula" hätte seit seinem Amtsantritt im Jänner 2003 so manchen enttäuscht, der auf schnelle Veränderung gehofft habe. "Aber Brasilien ist so ein riesiges, zudem korruptes Land, es braucht Zeit, um Visionen zu verwirklichen. Immerhin gibt es nun kostenlose Ausspeisungen für die Armen; die Arbeitslosenrate sinkt leicht. Brasilien ist wie eine riesige Schnecke, die sehr langsam in die richtige Richtung kriecht."

Kritik an Gilberto Gil

Die Berufung Gilberto Gils, der Sängerlegende des Tropicalia, zum brasilianischen Kulturminister sieht Assad hingegen kritisch: "Gil tut sein Bestes, aber er ist kein Fulltime-Minister, weil er ja immer noch als Musiker arbeitet. Ich denke, der Respekt vor dem Amt sollte es mit sich bringen, sich diesem hundertprozentig zu widmen und nicht nur nebenbei."

Mit Musikern kennt sich Assad bekanntlich aus: Musste die 39-Jährige doch lange Zeit mit dem Nimbus der "kleinen Schwester" des weltberühmten Gitarren-Brüder-Duos Sergio und Odair Assad zurechtkommen. "Auch ich war auf dem Weg zur klassischen Gitarristin, die 14 Stunden am Tag übte. Bis ich glücklicherweise meine Stimme entdeckte! Ich war 19, als wir mit Sergio und Odair auf Tournee in Israel waren. Auf einer Party sang ich aus einer Laune heraus ein Lied von João Bosco, eine Art Samba. 'Du kannst singen!', rief Sergio erstaunt. 'Nütze dieses Potenzial!' Dieser Moment war für mich wie eine offizielle Erlaubnis meiner Familie, anders zu sein als meine Brüder." (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.7. 2005)

  • Die "kleine Schwester" des weltberühmten Gitarren-Brüder-Duos Sergio und Odair Assad ist schon lange aus deren Schatten getreten: Badi Assad.
    foto: standard/cremer
    Die "kleine Schwester" des weltberühmten Gitarren-Brüder-Duos Sergio und Odair Assad ist schon lange aus deren Schatten getreten: Badi Assad.
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