"Österreicher bisher Gewinner der Globalisierung"

von Redaktion  |  21. Juli 2005, 11:43
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Industriepräsident Veit Sorger verweist im STANDARD-Interview auf den Erfolg im Osten und würde höhere EU-Beiträge für Forschung oder Bildung akzeptieren

STANDARD: Das britische EU-Programm wird von vielen als Absage an ein soziales Europa gesehen. Wie beurteilen Sie Tony Blairs EU-Politik?

Sorger: Uns ist der Vorstoß der Briten weder dramatisch noch negativ erschienen. Wir bedauern allerdings, dass es auf dem letzten EU-Gipfel keine Annäherung bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung gegeben hat.

Das Thema darf nicht auf einen Gegensatz von Forschung und Landwirtschaft reduziert werden. Wir brauchen dringend mehr Geld für Forschung, aber wir müssen auch die Landwirtschaft erhalten. Es ist gut, dass man jetzt beide Materien intensiv diskutiert.

STANDARD: Das heißt, dass das Agrarpaket von 2002 wieder aufgeschnürt werden könnte.

Sorger: Man sollte angesichts des geringen Wachstums nachdenken, ob die Konzepte von damals noch aktuell sind. Wir haben 2002 die Globalisierung anders gesehen. Wir hatten noch nette Wachstumsraten und dachten, wir könnten das beherrschen.

STANDARD: Das heißt eine Umschichtung von der Agrarpolitik zu anderen arbeitsplatzfördernden Bereichen . . .

Sorger: Ich würde nicht nur von einer Umschichtung reden. Es ist auch eine geringe Anhebung der Beitragszahlungen vorstellbar, so ferne sie ausschließlich für Forschung, Bildung und Infrastruktur verwendet werden. Dafür müssten wir das Budget nicht belasten, wenn wir uns vor Augen halten, wie viel in der Verwaltung eingespart werden kann.

STANDARD: Ist die Forschungsquote die einzige Antwort auf die Wirtschaftsprobleme?

Sorger: Durch die Globalisierung kommt es zu Produktionsverlagerungen, die man nicht durch Protektionismus aufhalten kann. Die Jobs der Zukunft benötigen eine höherer Wertschöpfung. Die Österreicher sind bisher die Gewinner der Globalisierung, weil sie auf die Ostöffnung so rasch reagiert haben.

Firmen wie Semperit oder Engel behalten Forschung, Entwicklung, und andere Zentralfunktionen in Österreich, verlagern aber die Produktion in den Osten. Die Gewinne kommen nach Österreich zurück. Dadurch können auch im Inland Arbeitsplätze geschaffen werden.

STANDARD: Laut Studien gelingt das nur dort, wo der Arbeitsmarkt flexibel ist - etwa in den USA und Großbritannien, aber nicht in Deutschland.

Sorger: Es gibt gute Gründe, dass die Briten niedrige Arbeitslosigkeit und Inflation haben. Doch ihr Sozialsystem wollen wir nicht kopieren. Bei unserer Suche nach Herzeigemodellen für flexible Arbeitsmärkte ist uns Dänemark mit seiner "Flexicurity" aufgefallen.

Die Dänen haben eine Mischung aus Sicherheit und Ansporn für Arbeitslose kreiert. Man wird schnell arbeitslos, erhält aber ein hohes Arbeitslosengeld. Gleichzeitig besteht ein enormer Druck, einen neuen Job zu suchen. In Deutschland, Frankreich, Belgien und Holland sind die Kündigungs- und Flexibilisierungsregeln katastrophal und jobvernichtend, während wir in Österreich viel beweglicher sind. Aber auch wir haben noch Flexibilisierungsbedarf.

STANDARD: Aber den Preis, den Dänemark für dieses System bezahlt, sind hohe Steuersätze. Wären Sie bereit, für mehr Flexibilität höhere Abgaben in Kauf zu nehmen?

Sorger: Die Steuern der Österreicher sind hoch genug. Die Senkung der Unternehmenssteuern war zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber unseren Nachbarn notwendig. Die Parameter in Skandinavien sind anders, denn wir haben die Billigproduzenten direkt vor der Haustüre. Schweden und Finnland haben Rohstoffe.

Was haben wir? Ein gutes Holz in der Steiermark und unser Hirn - erstklassig ausgebildete Leute und die Universitäten. Wenn wir diese Ressourcen nicht stärken, wie sollen wir gegenüber den Nachbarn bestehen?

STANDARD: Müsste man nicht mehr tun, um Globalisierungsverlierer zu entschädigen?

Sorger: Das tun wir doch. Wir haben doch im europäischen Vergleich ein erstklassiges Gesundheits-, Sozial- und Studiumssystem. Aber wir brauchen Systeme, um noch mehr Jobs zu kreieren.

Ich halte viel von der Idee eines Kombi-Lohns, bei dem der Staat zum Grundlohn zuschießt - etwa in der Altenbetreuung oder im Landschaftsschutz. Das ist sozial verträglicher und würdiger, als nur beim Arbeitslosenamt das Geld abzuholen. Es ist aber nicht so bequem.

STANDARD: Drohen nicht gerade diese Jobs an EU-Ausländer zu gehen, wenn die Dienstleistungsrichtlinie kommt?

Sorger: Die Sorgen der Gewerkschaften, dass mit einer weiteren Ostöffnung die billigsten Arbeitskräfte hereinkommen, sind berechtigt. Die Dienstleistungsrichtlinie ist dennoch notwendig, denn wir profitieren davon im gleichen Maße im Ausland.

Und jeder, der hier legal arbeitet, trägt zur Wertschöpfung bei und finanziert das Pensions- und Sozialsystem. Man muss allerdings behutsam liberalisieren und nicht auf einen Schlag.

STANDARD: Gefährdet es nicht unsere soziale Marktwirtschaft, wenn in der EU weiter liberalisiert, aber die Steuern nicht harmonisiert werden.

Sorger: Wenn wir uns vor allem fürchten, gefährden wir uns selbst. Wir sollen deutlich sagen, was wir wollen und daran arbeiten. Für ein gutes und leistbares Sozialsystem müssen wir fleißig, tüchtig, erfolgreich und wettbewerbsfähig sein.

Aber wir wollen es, das ist der Unterschied zum angelsächsischen System. Und das muss unabhängig vom Steuersatz anderer Länder sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.07.2005)

Das Gespräch führte Eric Frey

Zur Person

Veit Sorger (Jg. 1942) ist seit Juni 2004 Präsident der Industriellenvereinigung und Aufsichtsratschef der Mondi Packaging & Mondi Business Paper Holding.
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Herbert Novak
20.07.2005 18:24
Österreicher bisher Gewinner der Globalisierung, noch

Österreicher bisher Gewinner der Globalisierung, noch, aber nicht mehr lang......

wildalpen
20.07.2005 09:52
auch ein globalisierungsgewinner anderer art.

mag schon sein, daß österreich ein gewinner ist, aber die menschen mit niedrigem einkommen, die klein undmittelbetriebe, teile des mittelstandes sind verlierer, werter herr sorger. die statistiken müßten sie doch kennen. auch eu-weit.
seit kurzem sind sie vizepräsident der unice, eines mächtigen lobbyisten in der eu, auf allen ebenen.
des finanzkräftigen arbeitgeberverbandes, der überall mitmischt, wenn es um die interessen der großen konzerne und nahezu gleichzeitig gegen die interessen der arbeitnehmer geht. ethos behauptend und ausschließlich dem profit lebend, geht es ihresgleichen natürlich gut. und sprechen sie ja nicht vom neid der menschen, die ganz einfach problembewußt sind.

ceep kool
14.07.2005 16:05
Ö Gewinner der Globalisierung?

Konzerne wachsen durch die G. am meissten und beschäftigen auch am meissten Menschen - wenn die Konzerne aber einsparen wollen, setzen sie auch ohne viel nachzudenken hunderte Mitarbeiter auf die Straße.

Konzeren können die Politik relativ leicht unter Druck setzen, indem sie mit Abwanderung in den Osten (zB) drohen - dann sind auf einen Schlag so gut wie alle Jobs weg...

na ich weiß nicht... kurzsichtig gesehen gehört Ö. zu den Gewinnern - langfristig gesehen gehören alle Staaten wegen der Globalisierung (zumindest alle Menschen) zu den Verlierern...

die einen verlieren ihren Job oder müssen zumindest permanent mit der Unsicherheit leben und die anderen werden für ein Minimum an Lohn ausgebeutet...

01052004
14.07.2005 14:21
soso,

und was sagen sie dem arbeitslosenheer??? auch: seids froh, ihr seids gewinner????

Wah Wah
14.07.2005 15:34
everyone's a winner baby...

das erzählt doch auch die regierung. schön für herrn sorger, wenn er ein gewinner ist.

die unternehmenssteuern sind bereits niedrig genug, besonders für große kapitalgesellschaften.

und von der dienstleistungsrichtlinie profitieren natürlich die konsumenten eh klar. nur wird nicht erwähnt, dass "die konsumenten" selbst auch einen job haben.

rennsemmel
14.07.2005 15:56

Irrtum, dann haben die Konsumenten keinen Job mehr.

Werner Hammerl
14.07.2005 14:02

Natürlich gibt es Österreicher, die von der Globalisierung profitieren. Herr Sorger z.B. Wichtig ist aber die Vor- und Nachteile für das ganze Land und nicht nur für die Industrie abzuwägen.

isengart
14.07.2005 12:22

Beschäftigungsstand einer ansässigen produzierenden firma:
70er Jahre: rd. 2500 arbeitnehmer
heute: 360 arbeitnehmer

der regionale gewinn durch die globalisierung liegt auf der hand...

Gäbr
14.07.2005 12:42

Dafür gibt's heute 17 mal mehr Firmen in Österreich als in den 1970ern ...

isengart
14.07.2005 14:47

schon komisch, daß es dann trotzdem niemals zuvor so viele arbeitslose gegeben hat wie heute, finden sie nicht? glauben sie, die 14000 jugendlichen, die auf der suche nach einer ausbildungsstelle sind, sind alle unwillig?

01052004
14.07.2005 14:20
super,

und wieviele sind "zwangsweise" firmen, wieviele ich-ag's, wieviele mehr oder weniger vorm kollaps???
all die angeführten "mehr als 1970 firmen" können ja auch nicht das arbeitslosenhher aufnehmen (am willen dieser firmen wirds ja nicht liegen)...

rnix
14.07.2005 11:44
oooh, wir haben nichts (rohstoffe) ?

würde ich so nicht sagen - wir haben jede menge know-how (noch) und -> wasser!!!! das ist jetzt im moment noch nicht so wichtig - aber in 20-50jahren - und wenn wir so weiter machen haben wir auch das nicht mehr weil es dreckig und ungenießbar ist...

österreich ein gewinner der glob.? wenn man in sorgers dimensionen denkt, vielleicht. wenn man an die masse denkt? hehe, wers glaubt...

aber die sind alle wie die bibel - so lange prädigen bis es das fussvolk auswendig kann... ich sage nur - die erde ist eine scheibe...

Klassenkaempfer
14.07.2005 13:18
Bei dieser Art der Globalisierung

Gewinner zu sein ist eine tolle Sache. In einem Krieg mit lauter Verlierer, trägt Österreich einen Pyrrhussieg davon. Von internationaler Kooperation haben die Industriekapitäne wohl noch nie was gehört. Naja so steuerns wenigstens die Menschheit in den wohlverdienten Untergang.

antim aterie
14.07.2005 13:47
Wenn überhaupt wer etwas von internationaler

kooperation versteht, dann mulinationale unternehmen und ihre "Industriekapitäne".

Queen of Sheba 
14.07.2005 07:04
Vielleicht könnte sich der gute Herr Sorger um die TEN-Projekte kümmern !


Da geht es immerhin um einen EU-Zuschuss von 22 MILLIARDEN EURO für 30 Projekte !

Klassenkaempfer
14.07.2005 01:31
Ich verstehe die IV zumindest

Nur Sinn macht es noch immer nicht. Es ist vielleicht richtig das ein Druck dasein sollte einen Job anzunehmen, aber nicht irgendeinen. Nachdem die kapitalistische Industrie zum Teil an der Menschheit vorbeiproduziert (2t Autos, Schmuck,...), wäre es mir ein Ekel an der Zerstörung des Planeten mitzuarbeiten.

antim aterie
14.07.2005 10:25
Die Industrie produziert an der Menschheit vorbei?

Wer kauft denn dann die teile?

Klassenkaempfer
14.07.2005 13:14
Am goldenen Westen produziert sie vielleicht nicht vorbei

Statt einen Ferrari, gebe ich halt lieber das Geld der 3.Welt, damit mehr davon was haben, anstatt irgendein weiterer Depp in einem Luxusauto herumfährt. Abgesehen müssen haufenweise Sklaven dafür arbeiten, dass einer lebt wie ein Gott.

buff flyer
14.07.2005 19:34
tuns das - ok, solange sie das geld der anderen in ruhe lassen

übrigens, tipp am rande: in die schweiz kann man auch direkt überweisen.

Nik M
14.07.2005 12:18
Zu wenige,

wie wir alle wissen. Die Firmen leiden seit Jahren an der schlechten Auftragslage, schuld ist die schlechte Binnennachfrage. Das schreit eigentlich nach Arbeitszeitsverkuerzung, aber die ist gegen die ideologische Betonschaedelfraktion nur schwer durchzusetzen. Vielleicht in 20,30 Jahren, nachdem es uns die Briten vorgezeigt haben ...

antim aterie
14.07.2005 13:48
Gut, aber dass hat nichts mit den produzierten Artikeln zu tun.

Wenn die leut merken dass sie selbst auch für die pension vorsorgen müssen, dann bleibt eben weniger zum sofortigen konsum über.

Ivan Bukov
13.07.2005 23:27

Ich kann nicht verstehen was an der englischen Denkweise unsozial ist. Das Leben hier ist gut, noch wichtiger man merkt die Verbesserung des selben. Natuerlich fehlen einige kontinentale Bequemlichkeiten aber dafuer zahlt man auch weniger Steuern und erspart sich den enormen Beamtenapparat den es im sozialen Europa zu erhalten gilt. Und England hat Midestlohn! Das wiegt viel Ungleichgewicht auf. Vielleicht sollte man sich das mal ansehen! Warum und was ist in England so ablehnenswert unsozial?

Gäbr
14.07.2005 12:45

Die durchschnittliche Steuerbelastung ist aber in D un F deutlicher geringer als im schönen UK - die Engländer müssen schliesslich den gewaltigen Schuldenberg der Thatcher abbezahlen!

Nik M
14.07.2005 12:23

Ich wuerde ihnen recht geben, ich habe eine zeitlang in GB gelebt und gearbeitet, mir scheint es laengst nicht so wirtschaftsliberal, wie immer getan wird. Z.B. die Arbeitszeit ist zwar sehr flexibel, aber im Durchschnitt kuerzer. Es gibt weitaus weniger Restriktionen, wenn man sein Geschaeft aufmachen moechte. GB in ist vielen Faellen ein Beispiel, wie man es der Wirtschaft leicht machen kann, ohne unsozial zu sein.

Mit den Privatisierungen, und mit den Druck auf die Leute, (irgend)einen Job anzunehmen, haben die Briten vielleicht ein bisschen uebertrieben.

Ludovico Settembrini
14.07.2005 06:26

die medizinische versorgung ist unterm hund in UK

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