
Sorger: Uns ist der Vorstoß der Briten weder dramatisch noch negativ erschienen. Wir bedauern allerdings, dass es auf dem letzten EU-Gipfel keine Annäherung bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung gegeben hat.
Das Thema darf nicht auf einen Gegensatz von Forschung und Landwirtschaft reduziert werden. Wir brauchen dringend mehr Geld für Forschung, aber wir müssen auch die Landwirtschaft erhalten. Es ist gut, dass man jetzt beide Materien intensiv diskutiert.
STANDARD: Das heißt, dass das Agrarpaket von 2002 wieder aufgeschnürt werden könnte.
Sorger: Man sollte angesichts des geringen Wachstums nachdenken, ob die Konzepte von damals noch aktuell sind. Wir haben 2002 die Globalisierung anders gesehen. Wir hatten noch nette Wachstumsraten und dachten, wir könnten das beherrschen.
STANDARD: Das heißt eine Umschichtung von der Agrarpolitik zu anderen arbeitsplatzfördernden Bereichen . . .
Sorger: Ich würde nicht nur von einer Umschichtung reden. Es ist auch eine geringe Anhebung der Beitragszahlungen vorstellbar, so ferne sie ausschließlich für Forschung, Bildung und Infrastruktur verwendet werden. Dafür müssten wir das Budget nicht belasten, wenn wir uns vor Augen halten, wie viel in der Verwaltung eingespart werden kann.
STANDARD: Ist die Forschungsquote die einzige Antwort auf die Wirtschaftsprobleme?
Sorger: Durch die Globalisierung kommt es zu Produktionsverlagerungen, die man nicht durch Protektionismus aufhalten kann. Die Jobs der Zukunft benötigen eine höherer Wertschöpfung. Die Österreicher sind bisher die Gewinner der Globalisierung, weil sie auf die Ostöffnung so rasch reagiert haben.
Firmen wie Semperit oder Engel behalten Forschung, Entwicklung, und andere Zentralfunktionen in Österreich, verlagern aber die Produktion in den Osten. Die Gewinne kommen nach Österreich zurück. Dadurch können auch im Inland Arbeitsplätze geschaffen werden.
STANDARD: Laut Studien gelingt das nur dort, wo der Arbeitsmarkt flexibel ist - etwa in den USA und Großbritannien, aber nicht in Deutschland.
Sorger: Es gibt gute Gründe, dass die Briten niedrige Arbeitslosigkeit und Inflation haben. Doch ihr Sozialsystem wollen wir nicht kopieren. Bei unserer Suche nach Herzeigemodellen für flexible Arbeitsmärkte ist uns Dänemark mit seiner "Flexicurity" aufgefallen.
Die Dänen haben eine Mischung aus Sicherheit und Ansporn für Arbeitslose kreiert. Man wird schnell arbeitslos, erhält aber ein hohes Arbeitslosengeld. Gleichzeitig besteht ein enormer Druck, einen neuen Job zu suchen. In Deutschland, Frankreich, Belgien und Holland sind die Kündigungs- und Flexibilisierungsregeln katastrophal und jobvernichtend, während wir in Österreich viel beweglicher sind. Aber auch wir haben noch Flexibilisierungsbedarf.
STANDARD: Aber den Preis, den Dänemark für dieses System bezahlt, sind hohe Steuersätze. Wären Sie bereit, für mehr Flexibilität höhere Abgaben in Kauf zu nehmen?
Sorger: Die Steuern der Österreicher sind hoch genug. Die Senkung der Unternehmenssteuern war zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber unseren Nachbarn notwendig. Die Parameter in Skandinavien sind anders, denn wir haben die Billigproduzenten direkt vor der Haustüre. Schweden und Finnland haben Rohstoffe.
Was haben wir? Ein gutes Holz in der Steiermark und unser Hirn - erstklassig ausgebildete Leute und die Universitäten. Wenn wir diese Ressourcen nicht stärken, wie sollen wir gegenüber den Nachbarn bestehen?
STANDARD: Müsste man nicht mehr tun, um Globalisierungsverlierer zu entschädigen?
Sorger: Das tun wir doch. Wir haben doch im europäischen Vergleich ein erstklassiges Gesundheits-, Sozial- und Studiumssystem. Aber wir brauchen Systeme, um noch mehr Jobs zu kreieren.
Ich halte viel von der Idee eines Kombi-Lohns, bei dem der Staat zum Grundlohn zuschießt - etwa in der Altenbetreuung oder im Landschaftsschutz. Das ist sozial verträglicher und würdiger, als nur beim Arbeitslosenamt das Geld abzuholen. Es ist aber nicht so bequem.
STANDARD: Drohen nicht gerade diese Jobs an EU-Ausländer zu gehen, wenn die Dienstleistungsrichtlinie kommt?
Sorger: Die Sorgen der Gewerkschaften, dass mit einer weiteren Ostöffnung die billigsten Arbeitskräfte hereinkommen, sind berechtigt. Die Dienstleistungsrichtlinie ist dennoch notwendig, denn wir profitieren davon im gleichen Maße im Ausland.
Und jeder, der hier legal arbeitet, trägt zur Wertschöpfung bei und finanziert das Pensions- und Sozialsystem. Man muss allerdings behutsam liberalisieren und nicht auf einen Schlag.
STANDARD: Gefährdet es nicht unsere soziale Marktwirtschaft, wenn in der EU weiter liberalisiert, aber die Steuern nicht harmonisiert werden.
Sorger: Wenn wir uns vor allem fürchten, gefährden wir uns selbst. Wir sollen deutlich sagen, was wir wollen und daran arbeiten. Für ein gutes und leistbares Sozialsystem müssen wir fleißig, tüchtig, erfolgreich und wettbewerbsfähig sein.
Aber wir wollen es, das ist der Unterschied zum angelsächsischen System. Und das muss unabhängig vom Steuersatz anderer Länder sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.07.2005)
mag schon sein, daß österreich ein gewinner ist, aber die menschen mit niedrigem einkommen, die klein undmittelbetriebe, teile des mittelstandes sind verlierer, werter herr sorger. die statistiken müßten sie doch kennen. auch eu-weit.
seit kurzem sind sie vizepräsident der unice, eines mächtigen lobbyisten in der eu, auf allen ebenen.
des finanzkräftigen arbeitgeberverbandes, der überall mitmischt, wenn es um die interessen der großen konzerne und nahezu gleichzeitig gegen die interessen der arbeitnehmer geht. ethos behauptend und ausschließlich dem profit lebend, geht es ihresgleichen natürlich gut. und sprechen sie ja nicht vom neid der menschen, die ganz einfach problembewußt sind.
Konzerne wachsen durch die G. am meissten und beschäftigen auch am meissten Menschen - wenn die Konzerne aber einsparen wollen, setzen sie auch ohne viel nachzudenken hunderte Mitarbeiter auf die Straße.
Konzeren können die Politik relativ leicht unter Druck setzen, indem sie mit Abwanderung in den Osten (zB) drohen - dann sind auf einen Schlag so gut wie alle Jobs weg...
na ich weiß nicht... kurzsichtig gesehen gehört Ö. zu den Gewinnern - langfristig gesehen gehören alle Staaten wegen der Globalisierung (zumindest alle Menschen) zu den Verlierern...
die einen verlieren ihren Job oder müssen zumindest permanent mit der Unsicherheit leben und die anderen werden für ein Minimum an Lohn ausgebeutet...
das erzählt doch auch die regierung. schön für herrn sorger, wenn er ein gewinner ist.
die unternehmenssteuern sind bereits niedrig genug, besonders für große kapitalgesellschaften.
und von der dienstleistungsrichtlinie profitieren natürlich die konsumenten eh klar. nur wird nicht erwähnt, dass "die konsumenten" selbst auch einen job haben.
würde ich so nicht sagen - wir haben jede menge know-how (noch) und -> wasser!!!! das ist jetzt im moment noch nicht so wichtig - aber in 20-50jahren - und wenn wir so weiter machen haben wir auch das nicht mehr weil es dreckig und ungenießbar ist...
österreich ein gewinner der glob.? wenn man in sorgers dimensionen denkt, vielleicht. wenn man an die masse denkt? hehe, wers glaubt...
aber die sind alle wie die bibel - so lange prädigen bis es das fussvolk auswendig kann... ich sage nur - die erde ist eine scheibe...
Gewinner zu sein ist eine tolle Sache. In einem Krieg mit lauter Verlierer, trägt Österreich einen Pyrrhussieg davon. Von internationaler Kooperation haben die Industriekapitäne wohl noch nie was gehört. Naja so steuerns wenigstens die Menschheit in den wohlverdienten Untergang.
Nur Sinn macht es noch immer nicht. Es ist vielleicht richtig das ein Druck dasein sollte einen Job anzunehmen, aber nicht irgendeinen. Nachdem die kapitalistische Industrie zum Teil an der Menschheit vorbeiproduziert (2t Autos, Schmuck,...), wäre es mir ein Ekel an der Zerstörung des Planeten mitzuarbeiten.
Statt einen Ferrari, gebe ich halt lieber das Geld der 3.Welt, damit mehr davon was haben, anstatt irgendein weiterer Depp in einem Luxusauto herumfährt. Abgesehen müssen haufenweise Sklaven dafür arbeiten, dass einer lebt wie ein Gott.
wie wir alle wissen. Die Firmen leiden seit Jahren an der schlechten Auftragslage, schuld ist die schlechte Binnennachfrage. Das schreit eigentlich nach Arbeitszeitsverkuerzung, aber die ist gegen die ideologische Betonschaedelfraktion nur schwer durchzusetzen. Vielleicht in 20,30 Jahren, nachdem es uns die Briten vorgezeigt haben ...
Ich kann nicht verstehen was an der englischen Denkweise unsozial ist. Das Leben hier ist gut, noch wichtiger man merkt die Verbesserung des selben. Natuerlich fehlen einige kontinentale Bequemlichkeiten aber dafuer zahlt man auch weniger Steuern und erspart sich den enormen Beamtenapparat den es im sozialen Europa zu erhalten gilt. Und England hat Midestlohn! Das wiegt viel Ungleichgewicht auf. Vielleicht sollte man sich das mal ansehen! Warum und was ist in England so ablehnenswert unsozial?
Ich wuerde ihnen recht geben, ich habe eine zeitlang in GB gelebt und gearbeitet, mir scheint es laengst nicht so wirtschaftsliberal, wie immer getan wird. Z.B. die Arbeitszeit ist zwar sehr flexibel, aber im Durchschnitt kuerzer. Es gibt weitaus weniger Restriktionen, wenn man sein Geschaeft aufmachen moechte. GB in ist vielen Faellen ein Beispiel, wie man es der Wirtschaft leicht machen kann, ohne unsozial zu sein.
Mit den Privatisierungen, und mit den Druck auf die Leute, (irgend)einen Job anzunehmen, haben die Briten vielleicht ein bisschen uebertrieben.
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