Der Kanzler spricht ...

15. Juli 2005, 22:36
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... über Alter, Cello, Macht und Risiko

Alter Ich bin Jahrgang 1945, genauso alt wie die Republik und eigentlich noch immer ganz gut drauf, finde ich.

Cello Das ist für mich ein Meditationsinstrument, der menschlichen Stimme sehr ähnlich. Im Sommer spiele ich viel Cello, sonst während der Woche zwei-, dreimal. Zeitweise nehme ich noch Unterricht, um mich zu verbessern, ich habe aber eine sehr milde Lehrerin.

Macht Das ist für mich Verantwortung.

Risiko Leider unumgänglich. Wichtig ist, das Risiko immer zu balancieren und zu begrenzen im Sinne dessen, was die europäische Union mit dem sehr guten Begriff "Flexicurity" meint. Also Flexibilität, was natürlich immer auch Risiko beinhaltet, und Security, also Sicherheit. Das ist, glaube ich, ein sehr gutes Vokabel. Was dahinter steht, finde ich sehr interessant: dass wir einerseits dicht sein müssen im Sloterdeijk'schen Sinn und andererseits offen. Das ist nicht leicht. Wer frei sein will, hat immer Risiko und muss daher dieses Risiko annehmen. Umgekehrt ist Freiheit nur dann möglich, wenn es eine gewisse Sicherheit gibt, um sie leben zu können. Ich bin einer, der vor allem in seinem privaten Leben sehr auf Festigkeit setzt, auf gewohnte Strukturen. Ich bin seit 20 Jahren in der gleichen 90-Quadratmeter-Wohnung, ich fahre seit dem vorigen Jahrhundert immer in die gleichen Kraftorte, Wolfgangsee oder Südsteiermark. Ich liebe meine Familie. Ich stehe zu meinem politischen Team, das kompakt bleibt. Jeden einzelnen habe ich lange beobachtet und dann ausgesucht. Wir halten eng zusammen. Und weil das so ist, kann man dann auch in der Sache sehr viel Mut einbringen. Das ist lebenswichtig, weil sonst erstarrt alles in der Konvention. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.07.2005)

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