Mumok: Bewusstsein fürs Sammeln

22. Juli 2005, 12:21
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"Nouveau Réalisme", "Pop Art", "Realismen der 70er Jahre" und "Bruce Nauman" - Vier Ausstellungen im Museum Moderner Kunst

Mit den Ausstellungen "Nouveau Réalisme", "Pop Art", "Realismen der 70er Jahre" und "Bruce Nauman" im "Jahr des Sammelns" seine Kernbestände ins Zentrum – und betont die wesentliche Rolle der Sammlungen Ludwig und Hahn.


Wien – "Gier" ist etwas, dem es laut Jean-Christophe Ammann, dem ehemaligen Direktor des Museums moderner Kunst Frankfurt, vielen heutigen Museumsdirektoren man gelt. Peter Ludwig besaß sie: die Gier nach Kunst. "Sein gewaltiger Appetit, seine Neugier und Ungeduld überforderten eine Kunst, die sich nicht so schnell regenerieren und weiterentwickeln konnte, wie er sie kaufte und vereinnahmte", beschrieb es Eduard Beaucamp. Diesem Appetit verdankt das Mumok sein heutiges Herzstück – die Sammlung Ludwig.

Im ausgerufenen "Jahr des Sammelns" will das Haus im Museumsquartier seinen eigenen Sammlungen mehr Platz einräumen. Das Interesse an Sammlungspräsentationen sei "rudimentär", bedauert Direktor Edelbert Köb.

"Nouveau Réalisme", "Pop Art", "Realismen der 70er Jahre" und "Bruce Nauman" – mit diesen vier Ausstellungen ergänzt das Mumok nun die Dauerpräsentationen "Klassische Moderne" und "Wiener Aktionismus". Damit solle auch klar gemacht werden: Wir sind "das Kunsthistorische Museum der Zukunft". Man könne sich nicht "auf der imperialen Erbschaft ausruhen", mahnt Köb das fehlende Bewusstsein fürs Sammeln ein.

Wolfgang Hahn fehlte dieses Bewusstsein keinesfalls – fast täglich war er für die Kunst unterwegs. Seiner Person ist es zu verdanken, dass sich Freund und Schokoladenfabrikant Peter Ludwig 1968 auch dem Sammeln zeitgenössischer Kunst zuwandte. Und ohne Ludwig "gäbe es wahrscheinlich das Museumsquartier nicht", betont Sammlungsleiter Wolfgang Drechsler. An die Vereinbarung von 1977, mehr als 100 Werke zunächst als Leihgaben nach Wien zu bringen, die 1981 zur Gründung der Stiftung führte, waren stets auch energische Forderungen verknüpft. Zum Beispiel nach einem Neubau.

Zu den Schwerpunkten von Ludwigs Sammlung gehören neben der Pop Art auch repräsentative Werke realistischer Strömungen der 70er-Jahre. Aufgrund viel Raum okkupierender Wechselausstellungen war einiges davon lange nicht zu sehen. Zum Beispiel der imposante Warhol "Orange Car Crash" von 1963. Die 70er illustrieren zum Beispiel Gerhard Richter, Konrad Klapheck oder Malcolm Morley.

Der Ausstellungsbereich "Nouveau Réalisme", dem als Auftakt zu einer Publikationsreihe ein umfassender Katalog gewidmet ist, wird von Daniel Spoerri dominiert. Ihm sind dialogisch andere Positionen dieser zehn Jahre dauernden Bewegung gegenübergestellt: Darunter Christo, Gérard Deschamps, Jean Tinguely oder Raymond Hains.

Kammer aus Beton

Noch nie zu sehen war allerdings ein Neuzugang von 2003: Bruce Naumans beklemmende Installation "Audio-Video Underground Chamber" von 1972/74, ein Hauptwerk der Postminimal Art. Die Kammer aus Beton ist unmittelbar hinter dem schwarzen Gebäudeblock in 1,5 Meter Tiefe eingegraben und sendet Bild und Ton in den Ausstellungsraum. Gefühle vom Lebendig-begraben-Sein drängen sich auf.

Der Nauman-Ankauf sei laut Köb ein "Schnäppchen" gewesen. Weitere "Schnäppchen" sind ihm zu wünschen. Die interessanten Neupräsentationen sind hoffentlich erst der Anfang der Ausgrabungen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.7.2005)

Von
Anne Katrin Feßler

"Nouveau Realisme - Kunst und Wirklichkeit in den 60er Jahren" von 15. Juli 2005 bis 14. Mai 2006

"Pop Art","Realismen der 70er Jahre" und "Bruce Nauman: Audio Video Underground Chamber und frühe Filme" von 15. Juli bis 18. September 2005

Öffnungszeiten Di. bis So. 10 bis 18 und Do bis 21 Uhr

Link

mumok.at

  • Artikelbild
    foto: mumok / lisa rastl
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