Niederlage im Antiterrorkampf

13. Juli 2005, 18:28
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London zeigt: Der Westen bekämpft die Terroristen, nicht den Terrorismus - von Markus Bernath

Die Briten sind schockiert, die Europäer auf dem Kontinent fühlen sich ohnmächtig, die aufgeklärten unter den arabischen Führern wie Jordaniens König Abdullah beklagen ihre Frustration: Die Anschläge von London sind eine verheerende Niederlage für den seit 9/11 nun bald vier Jahre währenden Kampf des Westens gegen den Terrorismus. Die Identität der mutmaßlichen Attentäter aber - vier junge Briten pakistanischer Abstammung - verstärkt nur noch diesen Strudel der Gefühle.

Schock, weil die Antiterrorkampagne ganz offensichtlich den Zusammenhalt einer so formierten und zugleich multikulturellen Gesellschaft wie der britischen zersetzt hat und selbst integrierte Jugendliche aus scheinbar intakten Familien zu Bombenlegern werden. Ohnmacht, weil diese ersten Selbstmordattentate in Europa kaum zu verhindern waren, nachdem sich die von keinem Geheimdienst erkannten Bürger-Terroristen erst einmal in Bewegung gesetzt hatten. "Die Sicherheit in einer so lebendigen und liberalen Stadt hat ihre Grenzen", räumte Londons Polizeichef Ian Blair doch ein.

Frustration

Frustration schließlich, weil sich in den vier Jahren seit 9/11 praktisch nichts am Befund des islamistischen Terrorismus geändert hat: Die ungerechte Behandlung der Palästinenser durch Israel führen die arabischen Führer weiter als Ursache für den Extremismus in den muslimischen Gemeinschaften an; die fatale Mischung von politischer Unfreiheit und wirtschaftlichem Missmanagement von Rabat bis Damaskus verschweigen sie weiter.

Sperrwall und Landnahme in Nahost, die staatlich herbeigeführte Unterentwicklung der arabischen Länder - belegt durch mittlerweile drei umfangreiche Studien der UNO im Gefolge des 11. September 2001 - sind der Nährboden, auf dem die Rachefantasien muslimischer Extremisten in Europas Großstädten gedeihen. Der Irakkrieg aber garantiert, dass dieser Nährboden auf absehbare Zeit auch nicht austrocknet.

"9/11 war im September 2001 nicht 2003", verteidigte sich am Mittwoch ein Sprecher des britischen Premierministers, will heißen: Der Terrorismus hat nicht erst mit dem Irakkrieg vor zwei Jahren begonnen, und der Krieg gegen Saddam Hussein war natürlich nur Teil und Etappe des weltweiten Antiterrorkampfs. Das ist ein Denkfehler, der das grundsätzliche Versagen des Westens im Kampf gegen den Terrorismus offen legt. Bezeichnenderweise wird dieser Fehler von muslimischen Extremisten bereitwillig übernommen. Denn was könnte absurder sein, als im Namen des Islam den Terror von Al-Kaida im Irak zu unterstützen, wenn Abu Mussab al-Zarkawi, der angebliche Al-Kaida-Führer im Irak, gezielt schiitische Muslime angreifen lässt, um einen Bürgerkrieg zu provozieren?

System der Gewalt

Terror und die Terrorbekämpfung sind ein sich selbst ernährendes System der Gewalt geworden. Der Westen bekämpft Terroristen, aber nicht den Terrorismus; die Folgen, aber nicht die Ursachen des Extremismus. Der Westen hat Trittbrettfahrer wie den russischen Präsidenten Wladimir Putin oder zentralasiatische Autokraten wie Islam Karimov in Usbekistan, die die Legitimität des Antiterrorfeldzugs schmälern. Vor allem aber hat er Feldherren in dieser weltweiten Schlacht, die wie George W. Bush und Tony Blair immun gegen jede Kritik sind.

Stillhaltepolitiker wie hier zu Lande - Österreichs Neutralität habe dazu geführt, dass man sich nicht am Irakkrieg beteiligt habe, erklärte Bundespräsident Heinz Fischer dieser Tage, "das hat auch einen gewissen Stellenwert" - können keine Alternative im Kampf gegen den Terrorismus sein. Was soll geschehen, wenn die Regierung tatsächlich einmal in dieser Frage der Moral von ihren Bürgern Opfer verlangen muss? Wegducken?

Und natürlich sind auch die Schutzmaßnahmen seit 9/11 nicht erfolglos geblieben: Die Anschläge von London hätten noch viel verheerender ausfallen können. Die Ursachen des Terrorismus wird der Westen trotzdem beseitigen müssen. (DER STANDARD, Print, 14.7.2005)

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