Tschechiens Premier auf Österreich-Besuch mit "Geste" im Gepäck

14. Juli 2005, 20:14
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Anerkennung für sudetendeutsche Antifaschisten - Besuch in Wien

Wien – Am Donnerstag richteten sich die Augen aller politischen Beobachter in Prag nach Wien: Tschechiens Premier Jirí Paroubek weilte erstmals auf Staatsbesuch in Wien und hatte brisante Themen im Gepäck.

Der Sozialdemokrat, seit Ende April im Amt, hat vor Kurzem eines der tschechischen Tabuthemen in ungewöhnlich direkter Art aufgegriffen: der Umgang mit jenen Sudetendeutschen, die im antifaschistischen Widerstand waren, und nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Konkret hat sich Paroubek für eine "Geste" gegenüber den damals rund 30.000 "loyalen, antinazistischen" Deutschen ausgesprochen, wobei er noch nicht spezifiziert hat, wie diese aussehen könnte.

In tschechischen Diplomatenkreisen kursieren zwei Varianten: eine symbolische Anerkennung des Leids der Betroffenen, sowie eine finanzielle.

Die angesehene Prager Wochenzeitung "Respekt" berichtete in ihrer aktuellen Ausgabe über Paroubeks Plan, prompt kam es zu einer Verstimmung zwischen dem sozialdemokratischen Premier und Tschechiens bürgerlichen Staatspräsident Václav Klaus. Klaus, wie immer das Ohr nahe am Volk, meinte, eine solche Geste sei "außerordentlich unglücklich und außerordentlich gefährlich".

Unter Eingeweihten wird noch ein anderer Grund für Klaus' heftige Reaktion genannt: Paroubek hatte ihn über seine Anerkennungspläne nicht informiert.

Wie auch immer die Geste ausschauen wird, fest steht, dass sie sich in erster Linie an Berlin richten wird. Dort kämpft mit Gerhard Schröder ein Parteifreund Paroubeks ums politische Überleben.

Als Thema steht sie aber auch beim Wien-Besuch auf dem Programm, mit einem Beschluss ist noch nicht zu rechnen. Dafür könnte eine andere heikle, bilaterale Causa am Donnerstag gelöst werden: Dem Vernehmen nach bereitet Prag eine Rückgabe jener 200 Stühle aus Schönbrunn vor, die nach Kriegsende von den Kommunisten beschlagnahmt wurden. (Barbara Tóth, DER STANDARD, Print, 14.7.2005)

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    Schneidet heikle Themen: Der neue tschechische Premier Jirí Paroubek.

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