Chronologie: Übernahme von Anfang an schwere Geburt

31. Juli 2005, 18:37
posten

Zunächst monatelanger Schlagabtausch mit Aktionären um Preis, dann Zittern um Erfolg des Angebots und Bangen um Zustimmung aus Brüssel

Wien- Mit dem heutigen Tag ist Siemens bei der Übernahme der VA Tech endgültig am Ziel: Nachdem Brüssel den milliardenschweren Deal genehmigt hat (wenngleich mit Auflagen), kann der deutsche Elektro-Multi bei den Linzern ab sofort das Kommando übernehmen, mit der Umsetzung seiner Integrationspläne beginnen und die VA Tech auch wie angekündigt von der Börse nehmen.

Im Folgenden eine Chronologie der Übernahme, die sich - rückblickend - als schwere Geburt erwies:

  • 2. September 2004: Siemens und die VA Tech-Aktionärsgruppe um den Industriellen Mirko Kovats bestätigen Gespräche zur Übernahme des Technologiekonzerns. In der Folge formiert sich wegen einer befürchteten Zerschlagung massiver Widerstand.

    Sowohl der Vorstand als auch der Betriebsrat der VA Tech stufen den Übernahmeversuch als feindlich ein und erhalten von politischer Seite breite Unterstützung im Abwehrkampf gegen Siemens.

  • 9. September: Nach politischen Interventionen rudert Siemens zunächst zurück, da es für eine freundliche Übernahme kein positives Umfeld gegeben habe. "Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass wir das Thema noch einmal angehen", so Österreich-Chef Albert Hochleitner. Die Übernahmekommission sperrt Siemens für ein Jahr für einen Takeover. Die Linzer wiederum bereiten ihre seit längerem geplante Kapitalerhöhung zur Sicherung der Eigenständigkeit vor.

  • 21. September: Nach dem spektakulär gescheiterten Versuch im April klappt es mit dem Beschluss zur Kapitalerhöhung, die der VA Tech dringend benötigtes Frischgeld bringen soll. Großaktionär Mirko Kovats stimmt in einer außerordentlichen Hauptversammlung dafür.

    Die staatliche ÖIAG, die für ihren knapp 15-prozentigen Restanteil einen Privatisierungsauftrag der Regierung zu erfüllen hat, will bei der Kapitalerhöhung mitziehen.

  • 7. November: Siemens startet überraschend den zweiten Anlauf zur Übernahme und kauft der Kovats-Gruppe deren VA Tech-Paket, inzwischen auf 16,45 Prozent aufgestockt, ab.

  • 8. November: Siemens kündigt ein Übernahmeangebot von 55 Euro je Aktie an. Politischer Widerstand formiert sich diesmal nur links der Regierung. An der Wiener Börse notiert die VA Tech-Aktie bei steigender Tendenz beharrlich über dem angekündigten Übernahmepreis. Der Markt spekuliert auf ein höheres Angebot.

  • 12. November: Die Übernahmekommission hebt auf Antrag von Siemens die einjährige Übernahmesperre wieder auf und gibt damit grünes Licht für ein verbindliches Offert. Gleichzeitig bläst der VA Tech-Vorstand die für November geplante Kapitalerhöhung ab.

  • 10. Dezember: Siemens legt das angekündigte Offert über 55 Euro pro Aktie. Unter den Bedingungen des Angebots sind das Erreichen einer Mehrheit und die ersatzlose Aufhebung des in der VA Tech-Satzung verankerten Höchststimmrechts von 25 Prozent genannt.

    Die Annahmefrist für das freiwillige öffentliche Angebot läuft 40 Börsentage vom 13. Dezember 2004 bis 9. Februar 2005.

  • 17. Dezember: Der VA Tech-Vorstand nimmt zum Siemens-Offert in einer "fairness opinion" insgesamt eine neutrale Haltung ein, bezeichnet den Angebotspreis von 55 Euro je Aktie aber als wirtschaftlich nicht angemessen.

  • 10. Jänner 2005: Die ÖIAG gibt offiziell grünes Licht für das Angebot über 55 Euro je Aktie und ermächtigt den Vorstand, den staatlichen Restanteil zu verkaufen, obwohl der Börsenkurs deutlich darüber liegt. An diesem Tag überspringt die VA Tech-Aktie die 60 Euro-Marke.

  • 17. Jänner: In einer außerordentlichen Hauptversammlung der VA Tech scheitert Siemens trotz der ÖIAG-Stimmen im Rücken knapp an der für die Abschaffung des Höchststimmrechts notwendigen Dreiviertel-Mehrheit. Das Angebot droht mit 55 Euro je Aktie zu scheitern.

  • 20. Jänner: Siemens gibt auf Druck des Marktes nach und bessert das Angebot von 55 auf 65 Euro je Aktie nach. Das neue Offert entspricht annähernd dem seinerzeitigen Ausgabepreis von 900 Schilling (65,40 Euro).

    Siemens verzichtet auf die Aufhebung des Höchststimmrechts, im Gegenzug wird für das Zustandekommen des Deals die Erfolgsschwelle von 50 Prozent plus einer Aktie auf mindestens 90 Prozent angehoben.

  • 9. Februar: Siemens ist mit seinem neuen Angebot erfolgreich, die 90 Prozent-Hürde wird genommen. Nach monatelangem Tauziehen hat der Elektromulti die VA Tech de facto in der Tasche.

    Von den Aktionären wurden Annahme-Erklärungen für 90,94 Prozent der Anteile abgegeben. Die Kartellbehörden sind am Zug, bis zur Freigabe des Deals sind die Aktien gesperrt.

  • 14. Februar: Die Wettbewerbshüter in der EU-Kommission leiten eine mehrmonatige vertiefte Prüfung der Übernahme ein. Aus Brüssel heißt es dazu, die Übernahme könnte beträchtliche Wettbewerbsfolgen nach sich ziehen.

    Siemens und VA Tech seien weltweit in einer Reihe ähnlicher Geschäftsfelder tätig, es gebe etliche Überschneidungen. Mögliche Auflagen konzentrieren sich von Anfang an auf die Hydro, die Wasserkraftsparte der VA Tech.

  • 25. Februar: In der Nachfrist des Offerts werden Siemens weitere Aktien angedient. Der Streubesitz der VA Tech macht nur mehr 2,85 Prozent aus, Siemens hält 97,15 Prozent.

  • 12. April: VA Tech-Konzernchef Klaus Sernetz zieht sich wie zuvor angekündigt zurück und lässt sich beurlauben, Christian Habegger übernimmt im Vorstand interimistisch das Ruder.

    Im Rahmen der ordentlichen Hauptversammlung verzichtet Siemens mit Hinweis auf das laufende Prüfverfahren der EU, eigene Leute in den VA Tech-Aufsichtsrat zu entsenden.

  • 25. Mai: Um die Übernahme nicht zu gefährden, bietet Siemens der EU-Kommission von sich aus den Verkauf der VA Tech Hydro an. Schon im Vorfeld haben neben dem Industriellen Mirko Kovats auch ausländische Finanzinvestoren Interesse bekundet.

    Interessiert zeigt sich in der Folge auch eine Investoren-Gruppe um KTM-Chef Stefan Pierer und den früheren steirischen Wirtschaftslandesrat Helmut Paierl (ÖVP), mit im Boot ist auch der Wiener Mittelstandsfinancier UIAG.

  • 13. Juli: Brüssel genehmigt den Takeover mit Auflagen. Siemens darf in der VA Tech ab sofort das Kommando übernehmen, muss sich aber aus kartellrechtlichen Gründen dazu verpflichten, das Wasserkraftgeschäft der VA Tech zu verkaufen.

    Zudem muss Siemens die Unabhängigkeit des deutschen Stahlanlagenbauers SMS Demag, an dem die Münchener zu 28 Prozent beteiligt sind, sicherstellen (APA)

Share if you care.