Hintergrund: Schmelztiegel Leeds

13. Juli 2005, 14:53
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Alle Spuren führen in die nordenglische Industriestadt - Muslime fürchten Racheakte

Leeds - Die nordenglische Industriestadt Leeds ist über die Jahrzehnte hinweg zu einem Schmelztiegel der Nationalitäten und Religionen geworden. Hier gibt es irische und jüdische, indische und karibische Gemeinschaften. An den Läden liest man Angebote auf Englisch, Arabisch und Urdu, das viele Pakistaner sprechen.

Hyde Park

Eines dieser Viertel ist der Hyde Park in der Nähe der Universität. Hier sprengten sich Terrorfahnder am Dienstag den Weg zu einem Reihenhaus frei. Alle Verbindungen zu den vier Bombenlegern der Anschläge vom Donnerstag vergangener Woche gehen nach Erkenntnissen der Ermittler in dieses Viertel sowie nach Dewsbury and Beeston. Während der Razzien wurden ganze Straßenzüge gesperrt und mehrere Häuser evakuiert. Die Polizei räumte auch eine Moschee und schickte die Gläubigen zu anderen Moscheen der Stadt. Etwa 40 Bewohner evakuierter Häuser mussten die Nacht wegen der Razzien in einem Gemeinschaftszentrum verbringen.

"Dies ist die einzige Gegend in Leeds, wo Schwarze, Asiaten und Sikhs gut miteinander auskommen", sagte der 19-jährige Amjad Hussein an einer der Straßensperren. "Aber nach dem, was jetzt geschehen ist, schauen mich sogar Freunde an, als ob ich ein Terrorist wäre." Mit Beginn der Razzien hat sich die Stimmung in dem Viertel schlagartig verändert. "Sobald ich die Sirenen hörte und sah, wie Polizei und Soldaten auf unsere Häuser zukamen, hatte ich Angst, dass das etwas mit dem Terrorangriff in London zu tun hatte", sagte die Studentin Amy Winters.

Muslime fürchten Racheakte

Die Muslime in Leeds fürchten, dass sie nun zum Ziel von Racheakten werden könnten. Zaher Birawi, der Leiter der Großen Moschee von Leeds, verurteilte die Bombenanschläge und sagte; "Wir hoffen, dass es keine weiteren islamfeindlichen Angriffe auf unsere Gemeinschaft geben wird." Beim Sicherheitsausschuss der islamischen Verbände in England seien Berichte von mehr als 400 Attacken eingegangen. "Ich bin wütend darüber, dass diese Leute aus der muslimischen Gemeinschaft in Leeds kamen", sagte Birawi. Es gebe keinerlei Hinweise dafür, dass in der Gemeinschaft für terroristisches Gedankengut geworben worden sei.

In den 90er Jahren gab es schon einmal Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen in Leeds. Damals kam es zu Zusammenstößen zwischen Weißen, Schwarzen und Einwanderern aus Südasien und der Karibik. Aber danach hat sich Leeds zu einem lebendigen Zentrum der multikulturellen Gesellschaft entwickelt, für viele nicht zuletzt auch zusammengehalten in der Anhängerschaft zum Fußballverein Leeds United. "Leeds hat sich in den vergangenen 25 Jahren fantastisch erneuert", sagt der Informatik-Professor an der Universität Leeds, Roger Boyle. Heute gehören 8,2 Prozent der 730.000 Einwohner einer ethnischen Minderheit an; die größten Gemeinschaften bilden Pakistaner und Inder.

Die Region im Westen der Grafschaft Yorkshire war schon immer ein Zentrum der Industriellen Revolution. Mit der dort abgebauten Kohle wurden die ersten Maschinen der Textilindustrie betrieben. Die rege Wirtschaft zog nach dem Zweiten Weltkrieg Einwanderer aus Asien an. Als die Bedeutung der Industrie zurückging, siedelten sich immer mehr Dienstleistungsunternehmen in Leeds an, darunter Firmen der IT- und Versicherungswirtschaft. (APA)

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    Absperrungen zu Terror-Ermittlungen in Leeds

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