Strafaktion im Westjordanland

15. Juli 2005, 14:44
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Nach dem Selbstmordanschlag in Netanya hat die Armee wieder die Kontrolle über Tulkarem übernommen, der Stadt des Täters

Bis zum Abzug aus dem Gazastreifen, der am 17. August beginnen soll, soll es möglichst ruhig bleiben – das ist seit dem "Waffenstillstand" von Sharm-el-Sheikh im Februar das gemeinsame Nahziel der israelischen und der palästinensischen Führung. Doch der Islamische Djihad hat andere Pläne, und nach dem Selbstmordanschlag in der Küstenstadt Netanya am Dienstagabend verstärkte sich der Eindruck, dass man in schlechte alte Zeiten zurückfällt.

Im Morgengrauen des Mittwoch rückten israelische Truppen in die Stadt Tulkarem ein, die erst im März der Kontrolle der Palästinenser überlassen worden war. Das Westjordanland und der Gazastreifen wurden abgeriegelt, und von der vorgesehenen Übergabe weiterer Städte ist nun keine Rede mehr. Umso entschlossener scheint Israels Premier Ariel Sharon aber, den Gaza-Abzug genau nach Zeitplan abzuwickeln.

Sperrgebiet Gaza

Früher als erwartet wurden die Siedlungen, die in einem Monat geräumt werden sollen, zum Sperrgebiet erklärt. Seit Mittwoch dürfen sich nur Personen, die dort als wohnhaft gemeldet sind, in den Siedlungen aufhalten. Dadurch soll verhindert werden, dass Massen von Abzugsgegnern aus Israel und dem Westjordanland einsickern, Straßen blockieren und sich in Häusern verschanzen.

Der junge Palästinenser, der sich im Auftrag des Islamischen Djihad auf einer Kreuzung in Netanya in die Luft sprengte und vier Frauen mit in den Tod riss, war aus dem Raum Tulkarem gekommen. Zugleich versuchte ein anderer Palästinenser, einen mit Gaskanistern beladenen Transporter in eine jüdische Siedlung zu fahren – hier wurde durch die Explosion nur der Attentäter schwer verletzt.

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas verurteilte zwar finster das "Verbrechen gegen das palästinensische Volk": "Kein Mensch mit nationalen Gefühlen und Verstand kann am Vorabend des israelischen Abzugs solche Operationen ausführen." Doch aus Israel kam wieder der altbekannte Vorwurf, dass Abbas seit seinem Amtsantritt nichts getan habe, um jene Terrorzellen zu zerschlagen, die die "Waffenruhe" nicht‑ respektieren. Die Razzien in Tulkarem, in deren Verlauf ein palästinensischer Polizist erschossen wurde, waren gegen den Islamischen Djihad gerichtet. "Der Islamische Djihad hat den Beschluss gefasst, durch Bombenanschläge den Abzugsprozess zum Scheitern zu bringen", sagte Israels Verteidigungsminister Shaul Mofas.

Laut Geheimdienstinformationen wird die kleine Schwesterorganisation der Hamas vom Iran und von Syrien aus gesteuert und bezahlt – mit monatlichen Überweisungen und mit Extrahonoraren von rund 30.000 Dollar an einzelne Zellen für die Durchführung von Attacken. (DER STANDARD, Print, 14.7.2005)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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    Truppeneinzug in Tulkarem.

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