Die Medizin wird chinesischer

19. Juli 2005, 17:16
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Übereinkunft zwischen Wiener und Pekinger Gesundheitsministerium

Wien - Eine hochrangige chinesische Delegation ist zurzeit in Österreich unterwegs. Ihr Anliegen ist die Absicherung einer medizinpolitischen Forschungszusammenarbeit zwischen den beiden Ländern auf dem Gebiet der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Am Montag unterzeichneten She Jing, stellvertretende chinesische Gesundheitsministerin und Generaldirektorin der Staatlichen Verwaltung für TCM, sowie Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat ein entsprechendes Memorandum.

Reduktion auf "TCM"

Ähnlich wie in anderen Ländern ist bei uns das Interesse an einer Medizin gestiegen, die auf biologischer und physiologischer, aber auch ganzheitlich-philosophischer Basis (Yin/Yang) vor mehr als 2500 Jahren entwickelt wurde. Zu ihr gehören Akupunktur bzw. Akupressur und Phytotherapie. Daneben spielen Schabetechniken, Schröpfen, Puls- und Zungendiagnostik wesentliche Rollen. Erst in den letzten Jahrzehnten wurden einige der Techniken einschränkend unter "TCM" zusammengefasst, und in dieser Form wird sie von Teilen der Ärzteschaft als komplementär akzeptiert und integriert.

Das Memorandum hält denn auch fest, dass der "Wildwuchs" der TCM-Schulen unter ärztliche Qualitätskontrolle gebracht werden soll, mithilfe der bereits etablierten Diplome und eines Austauschs an Forschung und Managementerfahrungen. Ausbildung, Entwicklung von TCM-Pharmaka und wissenschaftliche Publikationen sollen gefördert werden.

She Jing meinte im Gespräch mit dem STANDARD zwar, dass in China die TCM unabhängig von der Schulmedizin praktiziert und an rund 30 Universitäten gelehrt werde. Und die "Westler" verwendeten zu 90 Prozent auch TCM-Methoden.

Sie sei jedoch auch an einer Verankerung von Qualitätskontrollen interessiert, wie sie bei uns entwickelt würden. Wobei sie Österreich eine Sonderstellung in der Anwendung chinesischer Methoden einräumt: "Ich habe heute auf der Gynäkologie im AKH eine Anwendung von TCM beobachtet, wie ich sie woanders in Europa noch nicht gesehen habe."

Expertentreffen

Als erste Schritte, um im Bereich der Diagnostik konstruktive Ergänzungen zu erreichen und Experten zueinander zu bringen, kommt es in naher Zukunft zu mehreren Veranstaltungen: Ein internationales Symposium über Modernisierung findet im September in Szechuan statt, gefolgt von einem Workshop in Wien, bei dem mit 70 Experten gerechnet wird. Und im April 2006 findet ein großer euro-asiatischer Kongress zum Thema Management und Modernisierung von TCM statt. (mf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.07.2005)

  • "Ich habe auf der Gynäkologie im Wiener AKH eine Anwendung von TCM beobachtet, wie ich sie woanders in Europa noch nicht gesehen habe": She Jing, Sellvertretende chinesische Gesundheitsministerin.
    foto: der standard/matthias cremer

    "Ich habe auf der Gynäkologie im Wiener AKH eine Anwendung von TCM beobachtet, wie ich sie woanders in Europa noch nicht gesehen habe": She Jing, Sellvertretende chinesische Gesundheitsministerin.

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