Patrícia im Bücherland

12. Juli 2005, 19:37
1 Posting

"Made in Thailand" von Jérôme Bel bei der Sommerszene Salzburg

Salzburg - Immer noch ist die Sommerszene eines der europaweit bestkuratierten Tanzfestivals, denn es wird jedes Jahr thematisch oder methodisch neu erfunden. Eine lange Performancenacht und eine der jüngsten Arbeiten von Jérôme Bel, Made in Thailand, gaben den Auftakt für einen der konzeptuellen Choreografie gewidmeten Teil des aktuellen Festivals.

Die große Entdeckung war die vergnügliche Videoperformance Flatland, Part 1 von Patrícia Portela: eine projizierte Choreografie der Zeichen über die Komödie zweidimensionaler Kommunikation, eine virtuelle Abhandlung über das Medium Buch und ein transmedialer Tanz der Zeichen. Portela greift auf einige der brisantesten Diskurse der Gegenwartschoreografie zu: etwa die Verschränkung von Liveaufführung und Film, die Präsenz eines absenten Körpers durch seine Stimme, choreografische Arbeit ohne Tänzer.

Weitere höchst gelungene Beiträge dieser Kunstnacht waren Jennifer Laceys Two discussions of an anterior event sowie Martin Nachbar (bald bei ImPulsTanz) in Carlos Pez' Stück Already played tomorrow, weiters die ironische Cheerleader-Gruppe von Superamas und der Film November von Hito Steyerl. Alle diese Arbeiten zeigen Transfers von Performances - durch Strategien der Fiktionalisierung - auf eine Ebene, wo das Kunstwerk seine Mittel offen legt und in neuer Transparenz lesbar wird.

Das passt selbstverständlich zu Jérôme Bel, ohne dessen konzeptuelle Brüskierungen des sinnlichen Formalismus im Tanz Arbeiten wie jene von Pez, Portela oder auch das überzeugende Solo Code Series von Anne Juren nicht denkbar wären. Bels Zweipersonenarbeit Made in Thailand besteht aus einer gegenseitigen Befragung von Bel und dem klassischen Khon-Tänzer Pichet Klunchun. Beide sitzen einander gegenüber, beantworten die Fragen des anderen, zeigen Beispiele ihrer Arbeitspraktiken.

Eine auf den ersten Blick sehr einfache Situation, aber weil Bel - um dessen Stück Véronique Doisneau die Pariser Oper das Eröffnungsevent für ImPulsTanz komponiert hat - eben doch bei sich bleibt, steckt hinter der schlichten Aufmachung ein künstlerisches Schwergewicht der Extraklasse. Darin geht es zuallererst um interkulturellen Austausch ohne das fatale Paradoxon einer hegemonialen Political Correctness. Und in nächster Linie um - Globalisierung hin oder her - unverlierbare kulturelle Identitäten und Differenzen.

Klunchun und Bel haben nur wenig gemeinsam außer den Umstand, dass sie im Bereich Tanz arbeiten. Im Zuge ihrer Auseinandersetzungen entdecken sie manche unvermuteten Parallelen, haben aber vielmehr Gelegenheit, in aller Offenheit und Freundschaftlichkeit und - ohne je betulich zu werden - dem Publikum ihre Verschiedenheiten zu demonstrieren. So erfahren wir unter anderem Erstaunliches über die Zeichensprache des Khon-Tanzes und über die semiotische Annäherung an den Tanz im Westen.

Tiefer und tiefer begeben sich die beiden in Bereiche gegenseitiger Fremdheit. Und am Ende steht keine sentimentale Umarmung, sondern ehrliches Interesse und Respekt vor der Andersartigkeit. Die unvergleichlich kluge Unterhaltsamkeit dieser Choreografie von politischen und künstlerischen Diskursen erntete begeisterten Applaus. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 7. 2005)

  • Artikelbild
    foto: kirchner
Share if you care.