Kopf des Tages: Die Frau hinter der Maske

12. Juli 2005, 20:14
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Davinia Turrells Gesicht mit der Maske ging rund um die Welt

Das Foto ging um die Welt. Eine Frau im dunklen Kostüm, vorm Gesicht eine helle Maske mit provisorischen Schlitzen für Augen, Nase und Mund, barfuß, Schrammen an den Waden, flieht vom U-Bahn-Schacht der Londoner Station Edgware Road. Ein junger Mann hält sie umklammert, hält ihre Handtasche, die mal weiß war, aber jetzt voller Rußflecken ist. Die beiden laufen geduckt, als müssten sie sich vor etwas Bedrohlichem ducken.

Paul Dadge, der am 7. Juli sofort zu Hilfe eilte, hätte auch gern gewusst, wer diese Frau war. Geistesgegenwärtig hatte er ihr Gesicht in eine feuchte Maske aus Gel gehüllt. Mit Brandwunden kannte er sich aus, er war bis vor Kurzem Feuerwehrmann. Sonst bekam Dadge nur mit, dass sie nicht heulte, nicht jammerte, kein großes Aufheben machte - und Davinia hieß.

Davinia Turrell, 24, die Frau hinter der Maske, liegt seit den Anschlägen im Londoner Chelsea & Westminster Hospital. Am Freitag hat man sie operiert. Ob Spuren des Anschlags auf Dauer auf ihrer Haut bleiben, weiß man noch nicht. Louise Wells, ihre Schwester, klingt optimistisch: "Sie benimmt sich großartig, jeden Tag gibt es eine Verbesserung, sie hat schon wieder angefangen, Witze zu machen und zu lachen."

Ihr Vater David, bei dem Davinia in Billericay, einer Kleinstadt nordöstlich von London, wohnt, war zuvor mit anderem Tenor zitiert worden: Nein, es gehe seiner Tochter nicht gut, "ich war in der Armee und weiß, was es heißt, eine Explosion mitzumachen". David Turrell trauert um seine Gattin Sharon. Die war im Juni nach langer Leidenszeit an Krebs gestorben.

Davinia war, als die Bombe in ihrem U-Bahn-Zug der Circle Line explodierte, auf dem Weg in eine Londoner Anwaltskanzlei. Erst vor Kurzem hatte sie dort zu arbeiten begonnen, sie wird noch angelernt, soll sich auf Steuerrecht spezialisieren. Einmal Rechtsanwältin zu werden, davon träumte sie schon in der Schule.

Das Abiturzeugnis fiel dann nicht so glänzend aus, dass es für ein Studium an den Eliteschmieden Oxford oder Cambridge gereicht hätte. Stattdessen paukte Davinia Turrell Jus an der weniger profilierten Universität der südenglischen Hafenstadt Bournemouth. Im September 2003, als sie auf ein spezielles Anwalt-College in der Londoner City wechselte, kommentierte sie den Karrieresprung mit diesem trockenen, sich selbst auf die Schippe nehmenden Unterton, wie man ihn auf der Insel mit Hingabe pflegt. "Der erste Schritt, um Millionärin zu werden", schrieb Davinia an "Friends Reunited", eine Website, die es Abgängern britischer Universitäten ermöglicht, mit Ex-Kommilitonen leicht in Kontakt zu bleiben. "Wäre toll, von jedem zu hören, der sich noch an mich erinnert." (DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2005)

von Frank Herrmann
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