Literaturhaus Wien: Reichtum und Mangel

20. Juli 2005, 21:20
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Die Dokumentations­stelle sammelt und vermittelt österreichische Literatur der Gegenwart - an ihrem 40. Geburtstag blickt sie in eine etwas ungewisse Zukunft

Wien - Die Ausstellung zum Vierziger hätte sich natürlich glamouröser gestalten lassen, spektakulärer oder auch nur - umfangreicher. Im Untergeschoß des Literaturhauses untergebracht, ermöglicht sie gerade mal einen gerafften Überblick über die Sammlungsschwerpunkte der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur.

Ungewollt gibt die Schau nebenbei Auskunft über die finanzielle Situation der in Sachen Informationsvermittlung über heimische Gegenwartsliteratur längst unverzichtbaren Institution. "Große Sprünge sind derzeit nicht möglich", so Anne Zauner, die die Administration der Dokumentationsstelle über hat. "Es ist eine absolute No-Budget-Ausstellung." Man kann die Dimensionierung des Gezeigten aber auch positiv sehen und den anhand von Plakaten, Büchern, Manuskripten, Tondokumenten in Zehn-Jahres-Schritten unternommenen Streifzug durch die Literatur seit 1945 unter dem Motto "klein, aber fein" durchwandern. Wie so oft lohnt es sich dabei, etwas langsamer zu gehen und näher hinzuschauen.

Und schon setzt sich vor dem Auge des Betrachters aus Fragmenten langsam die jüngere österreichische Literaturgeschichte zusammen. Etwa 1945: Trümmer. 1955: Wiener Gruppe. Oder 1965: Aufbrüche. 1965 war auch das Jahr, in dem die Dokumentationsstelle gegründet wurde. Als außeruniversitäre Einrichtung, die zum unbürokratischen Informationszentrum über Literatur der Gegenwart heranwachsen sollte. Ein beispielloses Projekt, das maßgeblich auf die Initiative des Publizisten und Germanisten Viktor Suchy zurückging und die ersten Jahrzehnte in der Gumpendorfer Straße 15 untergebracht war. Dort wurde gesammelt, was auf dem bald engen Raum Platz fand.

Die Literatur machte derweil weiter. 1975: Heimat, Exil. 1985: Burgtheater, Heldenplatz. Den größten Schritt vorwärts für die damals bereits aus allen Nähten platzende Dokumentationsstelle bedeutete der 1991 erfolgte Umzug in das weit großzügiger bemessene Haus in der Seidengasse 13, wo sie unter dem neuen Leiter Heinz Lunzer seitdem auch unter dem Namen Literaturhaus Wien firmiert.

"Mit dem Umzug wurde ein Quantensprung vollzogen", erinnert sich Anne Zauner. "Wir konnten wachsen, uns neuen Aufgaben stellen und andere Teilbereiche perfektionieren." Es entstand eine nicht nur für Studenten und Forscher hilfreiche Fachbibliothek zur österreichischen Literatur seit 1890 sowie eine spezielle Exilbibliothek. Sammlungen von Manuskripten und Zeitungsausschnitten wurden ebenso angelegt wie ein Audio- und Video-Archiv und eine Schiene mit Lesungen.

Schließlich begab man sich auch ins weltweite Netz, was den Bekanntheitsgrad der Dokumentationsstelle aufgrund der Abrufbarkeit ihrer Datenbanken im Internet beträchtlich erhöhte. Und die Einbindung von Buchrezensionen, Literatur-Headlines und Veranstaltungshinweisen ließ die Website mit der Zeit zu einer umfassenden, auch aus dem Ausland gern angesurften Ressource über österreichische Literatur wachsen.

Budgetkürzungen

Entsprechend gut gelaunt startete man im Literaturhaus ins neue Jahrtausend. Dann kam die politische Wende, bald darauf erfolgten erste Kürzungen der vom Bund zur Verfügung gestellten Mittel. "Seitdem müssen wir schauen, wie wir mit dem Mangel leben", sagt Anne Zauner. "Herzstücke wie die Exilbibliothek wollen wir natürlich nicht aufgeben. Davon abgesehen ist es ein ständiges Abwägen, wo man schneidet und welche Auswirkungen das haben wird."

2005: Eine vielfältige österreichische Literatur wäre zu sammeln. Mehrere Teilbereiche, die Handschriften und das Audio- und Videoarchiv, liegen derzeit aber auf Eis und drohen wertlos zu werden. Die Politik wäre gefragt, reagiert bis dato jedoch abweisend: "Staatssekretär Morak kommt einfach nicht zu uns." Noch kann die Dokumentationsstelle ihren wichtigsten Aufgaben nachkommen. Ein Rundgang durch das an stillen Schätzen reiche, jedem offen stehende Literaturhaus zeigt, wie wichtig es wäre, dass das weiterhin so bleibt. Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur im Literaturhaus Wien, 7., Seidengasse 13; (01) 526 20 44-0. Die Ausstellung "40 Jahre Dokumentationsstelle" ist jeweils Montag und Mittwoch (9 bis 17 Uhr) sowie Freitag (9 bis 15 Uhr) geöffnet. (Sebastian Fasthuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 7. 2005)

  • Seit 1991 in der Seidengasse im siebten Wiener Gemeindebezirk beheimatet: Die Dokumentations- stelle für österreichische Literatur, die dieser Tage ihr vierzigjähriges Bestehen feiert.
    foto: anna blau

    Seit 1991 in der Seidengasse im siebten Wiener Gemeindebezirk beheimatet: Die Dokumentations- stelle für österreichische Literatur, die dieser Tage ihr vierzigjähriges Bestehen feiert.

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