Zwei Frauen gegen das Vergessen

13. Juli 2005, 11:06
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Schlüsselfiguren der serbischen Opposition Vesna Pesic und Natasa Kandic fordern und fördern Auseinandersetzung mit Kriegsverbrechen

Belgrad - Ist Serbien bereit, sich mit den Kriegsverbrechen der 90er Jahre, die in seinem Namen verübt wurden, auseinander zu setzen? Zumindest Vesna Pesic, die Leitfigur der serbischen Opposition während der Kriege beim Zerfall Jugoslawiens, hat über die Antwort auf diese Frage keinen Zweifel mehr: "In Serbien hat dieser Prozess begonnen und wird sich fortsetzen", gibt sich die heutige Leiterin der Belgrader NGO "Zentrum für Frieden und Förderung der Demokratie" zuversichtlich.

Widerstand

In den frühen 90ern stand Pesic an der Spitze der "Bürgerlichen Allianz", damals einer der wenigen Oppositionsparteien, die sich von Anfang an der Kriegspolitik des Regimes des jugoslawischen Staatschefs Slobodan Milosevic widersetzte. Zusammen mit dem späteren serbischen Ministerpräsidenten, Zoran Djindjic, der vor zweieinhalb Jahren ermordet wurde, und Vuk Draskovic, heute serbisch-montenegrinischen Außenminister, führte sie im Winter 1996/97 die mehrwöchigen Proteste der Opposition gegen den Wahlbetrug des Regimes an. Im Jahr 2000 gehörte Pesic der Führung der Demokratischen Opposition Serbiens (DOS) an, die im Oktober dieses Jahres die politische Wende herbeiführte.

Lob für Tadic

In den Chor der KritikerInnen in Serbien, die der Regierung von Ministerpräsident Vojislav Kostunica dieser Tage mangelnde Bereitschaft vorwarfen, sich mit dem schwersten aller Kriegsverbrechen während der Balkan-Kriege, dem Massaker der bosnischen Serben an der Bevölkerung der Moslem-Enklave Srebrenica auseinander zu setzen, stimmte Pesic nicht ein. Gegenüber dem TV-Sender B-92 lobte die Kriegsgegnerin am Montagabend auch die Entscheidung des serbischen Präsidenten Boris Tadic, am Montag an der zentralen Gedenkfeier für rund 8.000 Srebrenica-Opfer teilzunehmen, auch wenn er sich nicht persönlich an die Hinterbliebenen wandte.

Druck der Bilder

"Die Leugnung des Srebrenica-Massakers ist in Serbien gestoppt worden. Unter dem Druck der Bilder, auf denen Täter aus Serbien und Opfer aus Srebrenica zu sehen waren, hat die serbische Öffentlichkeit die Fähigkeit an den Tag gelegt, Mitgefühl und Solidarität mit anderen Opfern zu bekunden", stellte der Belgrader Menschenrechtsfonds nach der Gedenkfeier fest. Die NGO nahm damit Bezug auf ein Video, das im Haager Kriegsverbrecher-Prozess gegen Milosevic sowie auch im serbischen Fernsehen gezeigt wurde. Auf den Aufnahmen sind Angehörige der serbischen Sonder-Polizeieinheit "Skorpione" zu sehen, wie sie sechs junge Bosniaken aus Srebrenica erschießen. Der Leiterin des Menschenrechtsfonds, Natasa Kandic, war es gelungen, an das Video heranzukommen.

Bedrohung

Weil sie Kriegsverbrechen aufdeckte, war Kandic in Serbien jahrelang Hassparolen in den Medien ausgesetzt und wurde bei öffentlichen Auftritten wiederholt beschimpft. Dabei kam es nicht selten sogar zu Tätlichkeiten. Im April musste die Polizei sie schützen, als sie es wagte, bei einer nationalistischen Kundgebung an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Belgrader Universität zu erscheinen, bei der es um die "Befreiung von Srebrenica durch die bosnisch-serbischen Truppen" ging.

Positive Entwicklung

Selbst bei den Ultranationalisten (SRS) konstatiert Kandic' Menschenrechtsfonds eine positive Entwicklung. "Sogar die radikale Rechte hat in ihrer Verurteilung der Verbrechen am serbischen Volk auch Verbrechen erwähnt, die an anderen verübt wurden." In Serbien sei zum ersten Mal die Frage der Kriegsverbrechen aus politischer, juridischer und moralischer Sicht angeschnitten worden. (APA)

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    Vesna Pesic, heute Leiterin der Belgrader NGO "Zentrum für Frieden und Förderung der Demokratie".
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