Gedanken-Polaroids im "Verbrecher Verlag"

20. Juli 2005, 21:20
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"Wenn Lust, dann: mach!" Der Linzer Musiker Markus Binder (Attwenger) hat Lust gehabt und ein Buch gemacht: "testsiegerstrasse"

Mit dem STANDARD sprach er darüber - und über Versuche, selbst zu bestimmen, welchen Einflüssen man sich aussetzt.

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Wien/Linz - Wie alle Kulturbetriebe dieser Tage ist auch der so genannte Literaturbetrieb eigentlich fast nicht mehr zu überschauen, weil - wie es Christine Nöstlinger treffend formulierte: Es gibt immer mehr Bücher für immer weniger Leute. Deshalb fangen jetzt auch Klein- und Kleinstbuchhandlungen an, diverse Stellwände mit Hitlisten vollzutapezieren. Dann heißt es - ähnlich wie beim Libro (ewig gleiches Mantra: Mankell, Coelho, Mankell, Leon, Mankell): Antiglobalisierung, Kochbuch, Jonathan Franzen, Popliteratur . . .!

Also muss der wirkliche Leser wendiger werden, er muss konsequenter suchen - und nicht selten hat er einfach nur Glück. Kürzlich erreichte uns etwa ein wattiertes Kuvert des Berliner Verbrecher Verlags, darin ein Taschenbuch mit dem Titel testsiegerstrasse. Der Autor ist, gelinde gesagt, kein Unbekannter: Markus Binder, geboren 1963, lebt, arbeitet und nimmt wahr in Linz, und gemeinsam mit Hans Peter Falkner hat er unter dem Namen Attwenger eine Hand voll großartigster Alben eingespielt - Most, Pflug, Luft, Song, Sun.

Und daneben? Binder: "Manchmal denke ich mir halt, dass es gut wäre, das Plätschern der Gedanken und der Bilder in meinem Kopf festzuhalten. Eine Art textlicher Polaroids von Situationen zu machen, wie ich sie erlebe. Aber ich betreibe das inkonsequent, bin eher ein Gelegenheitsschreiber - nicht der Typ, der sich am Laptop eine große Geschichte quasi herausquält. Wenn Lust, dann: mach!"

Wenn Markus Binder die Lust überkommt, dann schreibt er zum Beispiel Erinnerungen an Attwenger-Tourneen in Kuala Lumpur, Sibirien oder Saigon nieder. Da beschreibt er etwa einen exzessiven Anfall von taxisurfen in cannes. Oder er reagiert auf Einladungen, etwas zu schreiben - daraus resultierte etwa bereits 1995 für den STANDARD ein Textstakkato zum Thema hundertjahrekino oder ein Vortrag für ein Architektursymposium unter dem Titel stadt.land.horizont. Und darin dann folgende Anmutung:

"horizont", verrückt

"(ich) würde einfach ein riesiges wort in die landschaft schreiben und das auf den horizont hinstellen, anbieten würde sich hier das wort: horizont. dieses wort könnte dann immer wieder abgebaut und woanders aufgestellt werden, immer weiter weg verschieben das ganze, bis zum meer, und spätestens dort sind wir nämlich auch an dem punkt angelangt, wo das aufhört, worüber hier immer gesprochen wird, nämlich das land."

"Sprachaustestung", sagt Markus Binder. Und: "Manchmal interessiert's mich, reinzugehen in die Begriffe." Was dabei entsteht? "Schlanke Texte, die ausfahren in alle Richtungen." Das sind auf den gerade einmal 132 Seiten testsiegerstrasse etwa very short stories mit schönen Titeln wie husch oder huhn oder wichtig: "hätte heute vor 65 millionen jahren dieser meteorit die erde nicht getroffen, es gäbe menschen gar nicht, häuser, brücken, bikinis, und keinem würden wir fehlen, oder habt ihr schon jemanden entdeckt, dem wir fehlen würden, raumsonden, ha, habt ihr."

Oder es entstehen, wie von selbst, etwas längere short stories, und in denen heißt es etwa unter dem Titel schuss im bad: "es gibt leute, denen fehlt das feeling für das gleiten zwischen vielen, und dieser da heute, das war wieder mal überhaupt so eine flasche, der schon in der art, wie er seine beine, wie ich mit der schwimmbrille sehen konnte, scherenartig auf und zu machte, den weit hergeholten rückschluss zuließ auf etwas höchst unsympathisches . . ."

"ö3 oder u2 . . ."

Dazu kommt dann plötzlich noch eine Pistole, ein Schuss auf einen Lautsprecher voll "ö3 oder u2", der Unsympathler schmiert "sieg heil" an die gefliesten Wände, und der Erzähler erinnert sich weiterhin gern an den Tag, an dem der Lautsprecher "erschossen wurde", und genießt den Gedanken, "welch enorme menge an beschissener musik zu hören uns seitdem erspart bleibt". In Binders Texte prallen beiläufig verschiedene Aspekte von Gewalttätigkeit aufeinander, nicht zuletzt eine Gewalt der Beschleunigung, auf die Binder eben reagiert wie ein Polaroid-Fotograf.

Wo wäre dann die Verbindung zwischen den Raumsonden und U2 und einem Huhn? "Vielleicht ist es einfach nur die Lust am Rhythmus von verschiedenartigsten Dingen. Die Frage stellt sich ja auch oft bei Attwenger: Wie kann man Dinge, die eigentlich nicht zusammenpassen, die unterschiedlichster Herkunft sind, in einen Rhythmus bringen?"

Am radikalsten vollzieht dies der Prolog zur testsiegerstrasse, gut 300 Zitaten - aus Pop, Kino, Medien, Theorie, Literatur. "Die habe ich über die Jahre hinweg gesammelt, weil man sich oft, wenn man was liest, denkt: Vielleicht entsteht daraus was. Jetzt habe ich sie halt ausgedruckt, habe Teile aussondiert und bin über dem Rest, den ich mir am Boden aufgelegt hatte, eine Woche herumgeturnt."

Elfriede Jelinek und "jeder mensch zählt, jeder mensch zählt sein geld" steht jetzt in losem Verbund mit Herbert Achternbuschs "ich habe nur zeit" oder, von Bert Brecht: "der reissende strom wird gewalttätig genannt, aber das flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig."

"Textmaterialsammlung", nennt Markus Binder seine testsiegerstrasse, die denkbar weit entfernt ist von dem, was einem derzeit gemeinhin mit dem Schlagwort Popliteratur um die Ohren gedroschen wird, bis man die Augen zumacht und rein gar nichts mehr lesen mag. Ernst Jandl war einst ein großer Fan von Attwenger, am "Gelegenheitsschreiber" Markus Binder hätte er wohl auch seine Freude gehabt. Und der sagt: "Die Einflüsse, denen man sich aussetzt, muss man selbst bestimmen." Falls Ihr Buchhändler also zu heftig auf "Siegerstraßen" und "Testsieger" setzt: Binder bestellen! (Claus Philipp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 7. 2005)

  • Der Musiker Markus Binder ist auch Gelegenheits­autor: "Manchmal denke ich halt, dass es gut wäre, das Plätschern der Gedanken und der Bilder in meinem Kopf festzuhalten."
    foto: sepp dreissinger

    Der Musiker Markus Binder ist auch Gelegenheits­autor: "Manchmal denke ich halt, dass es gut wäre, das Plätschern der Gedanken und der Bilder in meinem Kopf festzuhalten."

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