Nachtwächterbadespaß

13. Juli 2005, 22:03
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Die städtischen Freibäder sind als nächtliche Abenteuerspielplätze eine eingeführte Größe...

Es war irgendwann vorletzte Woche. Damals, als es schon Sommer und warm war. Da lag J. dann auf der Pritsche und fragte sich, für wie blöd ihn der Wachmann eigentlich gehalten habe. Und – als logische Folgefrage – wie blöd der Wachmann selbst wohl gewesen war. Aber weil er zu keinem schlüssigen Ergebnis kam, ging J. dann doch lieber einfach ins Wasser.

Es war einer der heißen Tage gewesen. Aber während der Öffnungszeiten des Döblinger Bades hatten weder J. noch seine Freude Zeit gehabt, sich abzukühlen. Und weil es in der Nacht warm genug war, kletterten die vier Herren Anfang Dreissig gegen Mitternacht über den Zaun. So wie sie das als Buben getan hatten. Und wie sie es seither eigentlich immer wieder getan hatten. Mitunter halt mit mehrjährigen Unterbrechungen.

Abenteuerspielplatz

Im Bad waren die vier Männer nicht allein. Aber das hatten sie auch nicht erwartet: Die städtischen Freibäder sind als nächtliche Abenteuerspielplätze eine eingeführte Größe. Und weil das die Badebetreiber genauso gut wissen, wie die Nachtschwimmer, gibt es – natürlich – auch Wachpersonal. Die Geschichten von Hunden, denen man nur knapp entkommen ist, werden mit jeder Saison die zwischen dem Erlebnis und der Erzählung liegt, dramatischer und aufregender: Hunde werden mehr und größer, Beisskörbe lösen sich in Luft auf – und Zipfel der Badehose enden zwischen geifernden Lefzen der Bestien. Egal.

J. und seine Freunde wussten jedenfalls, dass da irgendwann irgendein unterbezahlter Wachmann auftauchen könnte – und hatten ihre Siebensachen griffbereit. Schließlich hat man auch mit 30 keine gesteigerte Lust auf bürokratische Scharmützel mit einem, der auch nur seinen Job macht.

„Halt! Stehenbleiben!“

Als dann – es war Mitternacht – am anderen Ende der Liegewiese plötzlich der Kegel einer Taschenlampe auftauchte, brach niemand in Panik aus: Rund 20 Menschen trabten gemächlich los. Nur: Den Wachmann dürfte die Lässigkeit in seinem Berufsstolz gekränkt haben. Er begann loszusprinten – und zu brüllen. „Halt stehenbleiben,“ rief der Uniformierte. Und als das nichts nutzte, setzte er zur Untermauerung seiner Autorität auch noch den Namen seines Wachdienstes hinter das mehrmals ausgestoßene „Halt, Stehenbleiben!“

Den Abstand zu den Badeläufern konnte er damit nicht verringern. Und irgendwann, sagt J., habe es ihn dann gejuckt: Er versteckte sich hinter einem Busch. Der Wächter merkte nichts – und rannte vorbei. „Halt stehenbleiben – oder ich setze Pfefferspray ein“, brüllte der Mann schon außer Atem als er an J.s Busch vorbei schnaufte. Und als er am Zaun angekommen war, brüllte er noch ein bisserl und fuchtelte dazu mit Taschenlampe und (vermutlich) Pfefferspray herum. Dann watschelte er zum Eingang zurück, stieg in sein Auto und fuhr weg.

Weiterschwimmen

Zehn Minuten später waren alle Badenden wieder da. J. lag auf seiner Pritsche und überlegt: Ob es irgendjemanden auf der Welt gäbe, der von einem chancenlosen Verfolger ausgestoßenen Aufforderung anzuhalten, nachkommen würde. Vor allem, wenn die Option „Pfefferspray“ nicht auszuschließen sei. Denn dafür, dass er in Wirklichkeit eh niemanden erwischen wollte, hatte der Mann sich eindeutig viel zu sehr ins Zeug gelegt.

Dabei hätte der Wachmann nur ohne Taschenlampe unter die Badenden treten müssen und keiner wäre auf die Idee gekommen, weg zu laufen – denn dann hätten J. und seine Freunde ihn vermutlich eingeladen, sich auch auf eine Pritsche zu legen. Schließlich war die Nacht warm genug. (rott)

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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