Außenminister im STANDARD-Interview: EU wird sich der Ukraine öffnen

27. Juli 2005, 21:46
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Boris Tarasjuk: Wissen, dass EU auf überzeugende Argumente wartet

Im Gespräch mit Adelheid Wölfl hofft Tarasjuk beim Weg seines Landes in die EU auf die Unterstützung der neuen Mitgliedsländer.


STANDARD: Die EU-Beitrittsavancen der Ukraine sind bislang abgewiesen worden. Was ist jetzt Ihre Strategie?

Tarasjuk: Natürlich sind wir nicht so naiv, dass wir erwarten, dass nach dem Sieg der Demokratie, die Europäische Union sich sofort für uns öffnet. Die EU wartet auf überzeugende Argumente von der Ukraine. Wir sind geduldig.

STANDARD: Kein Plan B?

Tarasjuk: Meine Vorstellung ist, dass wir uns nächstes Jahr zusammensetzen und an einem neuen Assoziierungsabkommen arbeiten, das ganz klar eine Mitgliedschaft in Aussicht stellt. Wir werden das Jahr 2008 mit diesem neuen Vertrag beginnen. Diese Vision deckt sich nicht unbedingt mit den Visionen unserer Partner in EU. Aber ich denke, dass die EU ihre Herangehensweise an die Ukraine ändern wird. Wenn nicht Ende diesen Jahres, dann nächstes Jahr und hoffentlich während der österreichischen EU-Präsidentschaft. Ich denke, dass die neuen EU-Mitgliedern letztendlich die konservativen Konzepte der EU gegenüber der Ukraine verändern werden.

STANDARD: Bei den kommenden Parlamentswahlen im März wird Expräsident Viktor Janukowitsch von einer russischen Partei unterstützt.

Tarasjuk: Mit allem meinem Respekt für Russland - und meine Mutter ist eine ethnische Russin aus Sibirien -, so denke ich doch, dass die politische Elite von Russland die falschen Entscheidungen trifft. Während der Wahlen 2004 war das auch so. Und sie haben verloren. Nun passiert derselbe Fehler noch einmal.

STANDARD: Wird der Revolutionsblock gemeinsam kandidieren?

Tarasjuk: Es ist zu früh, um das zu sagen. Aber ich könnte voraussagen, dass es breit gefächerte politische Kräfte sein werden, die Juschtschenko unterstützen. Ich schließe auch nicht aus, dass die Sozialisten dabei sein werden.

STANDARD: Es gibt immer wieder Friktionen zwischen Premierministerin Timoschenko und Präsident Juschtschenko.

Tarasjuk: Immer wenn die Regierung die falschen Schritte unternimmt, korrigiert Juschtschenko diese. Und Julia Timoschenko hat diese Korrekturen akzeptiert.

STANDARD: Es gibt Analysten, die sagen, es habe in der Ukraine einen Elitenwechsel, aber keinen Systemwechsel gegeben.

Tarasjuk: Die Werte und die Moral sind völlig unterschiedlich zu jenen der Kutschma-Zeit. Wir reformieren die Verwaltung und das Steuersystem. Aber wir brauchen Zeit. Kutschma hat das Land immerhin zehn Jahre geführt.

STANDARD: Welche Visa-Politik wird es künftig gegenüber der EU geben?

Tarasjuk: In den kommenden Tagen wird die Entscheidung verkündet, dass die EU-Bürger und die Schweizer auch nach September und auf unbefristete Zeit keine Visa brauchen werden, um in die Ukraine zu reisen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.07.2005)

Zur Person

Boris Tarasjuk, war bereits in der Amtszeit des Premierministers Juschtschenko von Ende 1999 bis 2001 Außenminister.
Als Mitglied im "Nationalen Rettungskomitee" steuerte er
die Revolution mit.
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    foto: standard/cremer
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