Pro & Kontra: Diskussionswürdige Kritik oder fundamentalistische Provokation?

13. Juli 2005, 12:15
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Austro-amerikanisches Forscherteam fühlt sich in die Vorzeit der Aufklärung versetzt - Priester hält dagegen: "Hysterische Unterstellungen"

Kontra: Himmelschreiende Arroganz

Von Manfred Laubichler, Gerd Müller, Walter Fontana und Günter Wagner

Ein austro-amerikanisches Forscherteam fühlt sich bei Lektüre des Schönborn-Textes zur Evolutionstheorie in die Vorzeit der Aufklärung zurückversetzt. Die Intervention des Wiener Kardinals diskreditiere die gesamte Natur- wissenschaft und sei schlicht verantwortungslos.

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Die in einem Gastkommentar vom 7. Juli aufgestellten Behauptungen des Wiener Erzbischofs sowie die Art und Weise, wie dieser Beitrag seinen Weg in die New York Times fand, können wir als teilweise in den USA lehrende und forschende österreichische Evolutionsbiologen nicht unbeantwortet lassen.

Christoph Schönborn bediente sich in der Tat einer unheiligen Allianz, die, wie berichtet, das amerikanische Discovery Institute, den Think Tank der so genannten Intelligent-Design-Bewegung, miteinschließt, und positioniert damit die katholische Kirche im Lager der Fundamentalisten. Noch dazu just zu einem Zeitpunkt, da in verschieden US-Bundesstaaten wieder einmal heftige Auseinandersetzungen über die Rolle der Evolutionstheorie an den Schulen im Gange sind.

Die Auswirkungen der Schönborn'schen Intervention auf die Debatte über die Nachbesetzung der offenen Stellen am amerikanischen Supreme Court können im gegenwärtigen politischen Klima der USA nicht überschätzt werden. Wenn der Wiener Kardinal nun erklärt, dass er nicht mit den US-Kreationisten gleichgesetzt werden möchte, und vielmehr nur eine Diskussion im Rahmen der "wissenschaftlichen Freiheit" führen will, dann kann man diese Argumentation beim besten Willen nicht nachvollziehen. Jemand, der es gewöhnt ist, vatikanische Intrigen zu spinnen, macht so etwas nicht aus Naivität, noch publiziert er, sollte er tatsächlich an einer wissenschaftlichen Debatte interessiert sein, seine Thesen zuerst in der New York Times.

Was uns als Wissenschaftler aber besonders befremdet, ist die Arroganz, mit der sich der Wiener Kardinal zum Richter über eine wissenschaftliche Debatte aufschwingt, von der er offensichtlich keine Ahnung hat. Mit einem Satz wird die gegenwärtige Evolutionstheorie einerseits als neo-darwinistisch qualifiziert und gleichzeitig wird sie ex cathedra für falsch erklärt. Anderseits wird postuliert, dass es für das Wirken von Design in der Natur überwältigende Evidenz gebe, und jeder, der daran zweifelt, wird der Ideologie bezichtigt.

Keine Theorie sondern Tatsache

Zur Klarstellung: Evolution ist keine Theorie sondern eine Tatsache! Eine Tatsache deshalb, weil alle Fakten, die von tausenden von Naturwissenschaftlern erhoben wurden, auf eine natürliche Evolution der Arten hinweisen. Es gibt weltweit nicht eine einzige Evidenz, die einen anderen Vorgang nahe legen würde.

Daher handelt es sich bei der "Evolutionstheorie" auch nicht um eine theoretische Annahme über die Entstehung der Arten, sondern um eine Theorie darüber, welche natürliche Mechanismen die Organisation der Organismen bewirkt haben. Die Untersuchung dieser Mechanismen macht die eigentliche Evolutionsbiologie aus - eine umfassende Wissenschaftsdisziplin, die in keiner Weise ein singuläres dogmatisches Gebäude darstellt, wie Kardinal Schönborn dies mit dem Begriff des Neo-Darwinismus insinuiert.

Obwohl Mutation und Selektion Kernmechanismen sind, werden in der Evolutionsbiologie eine Vielzahl von anderen Faktoren der biologischen Organisation berücksichtigt, darunter auch nicht-zufällige Determinanten. Ein wesentlicher Teil der gegenwärtigen Evolutionsbiologie, die evolutionäre Entwicklungsbiologie, beschäftigt sich vor allem mit Prozessen, die jene Phänomene, die oftmals als Evidenz für "Design" gesehen werden, wie z. B. die modulare Struktur der Organismen, auf natürliche Weise erklären können.

Ungeheuerliche Fehldarstellung

Angesichts der tatsächlichen Gegebenheiten der Evolutionsbiologie ist es daher eine ungeheuerliche Fehldarstellung, wenn Schönborn behauptet, dass "alle Beobachtungen, die die Entwicklung des Lebens betreffen" auf einen Schöpfer hinweisen würden und dass ein "ungerichteter Evolutionsprozess außerhalb göttlichen Ursprungs einfach nicht existieren kann".

Offenbar will Schönborn aber nicht nur die Evolutionstheorie sondern die gesamte Naturwissenschaft diskreditieren: Man fühlt sich in eine Zeit vor der Aufklärung zurückversetzt, wenn beispielsweise behauptet wird, dass wissenschaftliche Theorien zu dem Zweck erfunden (!) worden wären, die überwältigende Evidenz für geplantes Design "wegzuerklären", oder dass wissenschaftliche Theorien einer Aufgabe der menschlichen Intelligenz gleichkämen. Dem wird entgegengesetzt, dass "der Mensch alleine durch seinen Verstand die Realität der unverursachten Ursache erkennen könne".

Wovor fürchtet sich diese Kirche?

Solch haarsträubende Fantasien scheinen dem Bedürfnis zu entspringen, die Wissenschaft an sich nicht nur als marginal sondern als grundsätzlich teuflisch zu stigmatisieren. Wir müssen uns fragen: Wovor fürchtet sich diese Kirche? Und warum? Und warum gerade jetzt?

Diese theologisch begründete Verachtung der naturwissenschaftlichen Evidenzen im Allgemeinen und der Evolutionslehre im Besonderen kommt der Forderung nach einem völligen Abbruch des Diskurses zwischen der Kirche und den Wissenschaften gleich. Und das zu einer Zeit, in der die Gesellschaft aufgrund der dramatischen Geschwindigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts eine vertrauenswürdige ethische, moralische und soziale Institution dringend benötigen würde. - Verantwortungslos.

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Pro: Hysterische Unterstellungen

Von Gregor Jansen

Was Schönborns Kritiker zu wissen glauben

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Am 7. Juli hat es Christoph Kardinal Schönborn in einem Kommentar der New York Times mit dem Titel "Finding Design in Nature" gewagt, in unserer ach so liberal-meinungsvielfältigen Zeit, in der doch allerorts betont wird, dass alles zu denken erlaubt sei, an eines der letzten unverrückbaren Dogmen zu rühren: an das Dogma der Evolutionstheorie im Gefolge Charles Darwins.

Der hysterische Aufschrei mancher heimischer Blätter war dementsprechend groß: Die Kirche wird auf dem Weg zurück ins Mittelalter vermutet, Vergleiche zu Galilei werden bemüht, manche sehen bereits schon wieder Scheiterhaufen errichtet. Und die Genetikerin Renée Schröder ist sich nicht zu schade, dem hoch qualifizierten Theologen via STANDARD auszurichten:

"Er soll einfach ein bisschen Wissenschaft lernen. Die Evolutionstheorie hat Tatsachen, Beobachtungen, es gibt tausende Beweise, dass es eben so ist", gipfelnd in der stereotyp-arroganten Aussage: "Glauben ist eben nicht Wissen."

Was war passiert? Hat Kardinal Schönborn etwa behauptet, dass Evolution nicht stattgefunden habe? Hat er gar eine dem priesterschriftlichen Schöpfungshymnus in verfälschend biblizistischem Verständnis verpflichtete Sieben-Tage-Schöpfungs-Theorie vertreten, wie es manche evangelikale Prediger in den Vereinigten Staaten gerne tun?

Alles unterstellt

Hat er damit jede naturwissenschaftliche Anthropologie negiert und eine Rückkehr der wissenschaftlichen Forschung unter die herrschende und zensierende Hand der (katholischen) Kirche gefordert? Sollen Biologen, Genetiker, Anthropologen zukünftig die Kirche um Erlaubnis fragen, was sie vertreten dürfen und was nicht? All das wird ihm unterstellt. Und all das natürlich ohne Grund.

Denn der Wiener Kardinal hat die Evolutionstheorie überhaupt nicht in Zweifel gezogen. Die von Charles Darwin und seinen Schülern aufgestellte Theorie (sic!) der gemeinsamen Herkunft von Menschen und Primaten hat er nicht infrage gestellt: "Evolution in the sense of common ancestry might be true" - wogegen er Stellung bezieht, ist die neo-darwinistische Auffassung, dass hinter dem Prozess der Evolution ausschließlich Zufall und Auslese stünde: "evolution in the neo-Darwinian sense - an unguided, unplanned process of random variation and natural selection - is not." Schöpfung/Evolution geschieht nicht planlos, sondern hat ein Ziel: Das wird ein Kardinal, eigentlich jeder Christ, doch wohl sagen dürfen.

Es ist einfach mit dem Glauben an Gott unvereinbar, den Zufall als einziges Schöpfungsprinzip anzuerkennen. Gott ist nach christlicher (genau so nach jüdischer und islamischer) Auffassung ein persönlicher Gott, ein Gott, dem das Schicksal der Schöpfung, der Menschen nicht egal ist, der ihr Leid sieht und darauf reagiert. Der sich mit freut und der mit leidet.

Das hat auch Benedikt XVI. am Tag seiner Amtseinführung betont: "Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht."

Unmöglicher Gottesbeweis

Sicher kann Gott nicht auf naturwissenschaftlichem Wege bewiesen werden. Und es kann nicht bewiesen werden, dass hinter der Entwicklung der Schöpfung ein göttlicher "Masterplan" oder ein "Design" Gottes steckt - auch wenn ein Blick in die Natur eine völlige Planlosigkeit kaum wahrscheinlich wirken lässt. Wenn aber von naturwissenschaftlicher Seite von der Unbeweisbarkeit Gottes auf dessen faktische Nichtexistenz geschlossen wird, dann ist dies Ideologie und nicht mehr Wissenschaft.

Nur weil sich eine Realität wissenschaftlicher Beweismethoden entzieht, ist noch nichts über ihre (Nicht-)Existenz gesagt. Und dies betont Christoph Schönborn: "Any system of thought that denies or seeks to explain away the overwhelming evidence for design in biology is ideology, not science."

Wogegen Kardinal Schönborn aufgetreten ist, ist eine vorgeblich "wissenschaftsgläubige" Ideologie, die versucht, Gott überflüssig zu machen und dabei ihre fachlichen Kompetenzen überschreitet.

Der tiefere Sinn hinter der Evolution

Nicht die Evolution als solche wurde in Zweifel gezogen, sondern die gewagte Schlussfolgerung, dass hinter dem Konzept der Evolution kein tieferer Sinn stehe.

Die Kirche verpflichtet niemanden, an einen Schöpfergott zu glauben. Aber sie wehrt sich zu Recht da, wo manche Naturwissenschaftler in ideologischer Weise versuchen, ihre persönliche Auffassung von der Nicht-Existenz Gottes zum Dogma zu erheben. Nicht mehr hat unser Kardinal getan.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.07.2005)

Zu den Personen

Kontra

Manfred Laubichler, Professor für Theoretische Biologie, Arizona State University

Gerd Müller, Professor für Theoretische Biologie an der Universität Wien

Walter Fontana, Professor für Systembiologie an der Harvard University

Günter Wagner, Professor für Evolutionsbiologie an der Yale University

Pro

Gregor Jansen ist Priester, Jugendseelsorger und Diözesanvorstand der Katholischen Jugend in Wien

Link

Christoph Schönborn in der New York Times: "Finding Design in Nature"

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    Charles Darwin und Christoph Schönborn im Konflikt?

  • Würfelt Gott?
    der standard

    Würfelt Gott?

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