Badelt im STANDARD-Interview: "Illusion, dass jeder alles studieren kann"

26. Juli 2005, 16:05
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Der Rektorenchef erwartet eine Entspannung an den Medizinunis nach Einführung von Aufnahmeverfahren

Christoph Badelt, Rektorenchef, erwartet eine Entspannung an den Medizinunis nach Einführung von Aufnahmeverfahren. Freier Uni-

zugang erfordere finanzielle Konse-

quenzen, sagte er Standard:Die Medizinunis werden von Deutschen regelrecht überrannt, Wien bricht die Inskription ab. Akzeptabel?

Badelt: Ich glaube, innerhalb der laufenden Inskriptionsfrist gibt es keine anderen Möglichkeiten. Wir brauchen dringend ein seriöses Auswahlverfahren, das die Unis ja schon planen. Dann wird sich auch das Problem der Deutschen relativieren, weil es in Österreich wie in praktisch allen EU-Ländern eine inhaltliche Auswahl geben wird.

Standard: Zynisch gesagt: Europa ist, wenn von 550 Medizin-Plätzen in Innsbruck 290 von Deutschen belegt werden?

Badelt: Das ist sicher ein Sondereffekt dieser hektischen Tage. Klar ist, durch das EuGH-Urteil steigt der Anteil deutscher oder ausländischer Studierender. Das zu leugnen wäre Vogel-Strauß-Politik.

Standard: Haben Sie sich insgeheim über das EuGH-Urteil gefreut? Es hat Ihre jahrelange Kritik angeheizt, dass freier Uni-Zugang mehr braucht als politische Sonntagsreden.

Badelt: Das EuGH-Urteil halte ich für gesellschaftspolitisch problematisch, weil ich nicht einsehe, warum ein kleines Land nicht den Hochschulzugang selbst so regeln kann, wie es will. Andererseits reden wir jetzt endlich über die Illusionen rund um den freien Hochschulzugang.

Standard: Welche Illusionen?

Badelt: Die Illusion, dass jeder alles studieren kann auf Staatskosten, was er oder sie will, und dass es keinerlei Engpässe geben darf.

Standard: Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, die Auswahlmöglichkeit für das Nicht- NC-Fach BWL war ein Geschenk für die WU Wien?

Badelt: Die Diskussion, die sich auf den zentralen Numerus clausus in Deutschland bezog, hat von vornherein eine Faktenverzerrung betrieben. Es ist völlig egal, ob dort jemand keinen Studienplatz von der Zentralen Vergabestelle oder von 200 Unis bekommt. Das gilt für BWL wie für Publizistik. Die Rektorenkonferenz hat immer gefordert, dass man beide Fächer dazunimmt. BWL kann man in Österreich an sechs Unis studieren, und die WU hat immer gesagt, wir beschränken nicht den Zugang, sondern machen eine Studieneingangsphase.

Standard: Hand aufs Herz, glauben Sie wirklich, irgendein Rektor wird nach zwei Jahren die Möglichkeit zur Studentenauswahl wieder hergeben?

Badelt: Dass ein Rektor sagt, die Uni kann besser ausbilden, wenn sie sich die Studierenden aussucht, ist evident. Aber die Politik setzt die Rahmenbedingungen. Wenn das Gesetz ausläuft, gibt es rechtskräftige Leistungsvereinbarungen zwischen den Unis und dem Ministerium. Es ist klar, dass allfällige Steigerungen der Aufnahmezahlen entsprechende finanzielle Konsequenzen haben müssen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2005)

Das Interview führte Lisa Nimmervoll. Zur Person

Christoph Badelt (54), Sozialökonom, seit 2002 Rektor der WU und seit diesem Jahr auch Vorsitzender der Rektorenkonferenz.

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