Gegen den "Teufelskreis der Verbrechen"

18. Juli 2005, 16:16
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Entschuldigung von Serbiens Präsident Tadic im Protokoll nicht vorgesehen

Wer es in Serbien bis heute nicht wissen wollte, musste ein Jahrzehnt nach dem Massaker in Srebrenica wenigstens eines zur Kenntnis nehmen: Im Namen des Serbentums wurden tausende unbewaffnete Muslime systematisch ermordet. Serbische Medien griffen das Tabuthema auf, serbische Politiker sahen sich gezwungen, sich dazu zu äußern, und so wurden die Serben mit den unzähligen Leichen der unschuldigen, von Serben getöteten Menschen und dem anklagenden Schmerz der Verwandten der Opfer konfrontiert.

Für manche politische Beobachter ist allein schon die Tatsache, dass über Srebrenica in Serbien endlich gesprochen wird und dass niemand das Verbrechen an sich infrage stellt, ein Fortschritt. Für andere jedoch viel zu wenig. Denn nach jeder Verurteilung des monströsen Verbrechens erinnerte man an die an Serben verübten Verbrechen, stellte die Opferzahl infrage und bestand darauf, dass es sich um keinen "Völkermord", sondern um Einzeltäter handelte. Schlagzeilen wie "Srebrenica eine Waffe (gegen Serben)" oder "Das Verbrechen als Show" prangten in manchen serbischen Zeitungen.

Der Führer der extremistischen Radikalen Partei Serbiens, Tomislav Nikolic, wohnte am Dienstag im bosnischen Ort Bratunca demonstrativ einer den serbischen Opfern gewidmeten Gedenkfeier bei. In dieser Region brachten nämlich 1992/93 muslimische Truppen unter dem Kommando des wegen Kriegsverbrechen angeklagten Naser Oric hunderte serbische Zivilisten um und setzten serbische Dörfer in Brand.

Die einzige Ausnahme unter serbischen Spitzenpolitikern war Präsident Boris Tadic, der sich trotz heftiger Proteste in Serbien, aber auch in Bosnien, von seiner Reise nach Srebrenica nicht abbringen ließ. "Jemand hat ein Verbrechen im Namen des Volkes, dem ich angehöre, begangen", sagte Tadic. Er wolle seinen Respekt gegenüber den Opfern ausdrücken. Als serbischer Präsident setze er sich dafür ein, dass die Opfer anderer Völker respektiert werden. Denn sollte das heute nicht geschehen, würde man morgen wieder "in den Teufelskreis der Verbrechen gelangen".

Boris Tadic war bereit, sich im Namen Serbiens für das Verbrechen in Srebrenica zu entschuldigen, das Protokoll des Gastgeberlandes sah jedoch nicht vor, dass er sich an die Anwesenden wendet. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2005)

Andrej Ivanji aus Belgrad
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