Rosas mit Raga und Coltrane

12. Juli 2005, 11:51
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Anne Teresa De Keersmaeker verbindet amerikanischen Jazz und indische Raga- Musik in zwei neuen Werken mit magischen Tanzbildern

Voll auf ihre Kosten kommen wieder die Fans von Anne Teresa De Keersmaeker und ihrer Company Rosas. Die große belgische Choreografin, seit Jahren ein Fixstern des Festivals, kommt mit zwei abstrakten und dabei emotionsgeladenen Stücken nach Wien.

Beide sind von indischem Raga und amerikanischem Jazz inspiriert. In ihrer jüngsten Arbeit, Raga For The Rainy Season / A Love Supreme, stellt Keersmaeker zwei gegensätzliche Stücke gegenüber. Ein Ensemble von acht Frauen und einem Mann tanzt ritualhaft zu den melancholischen Ragas von Mian Malhar.

Fluss des Wartens
Konzentriert auf den Rhythmus repetitiven Gesangs formen sich geometrisch exakte Strukturen nach einem festgelegten Vokabular, das Keersmaeker gemeinsam mit dem jungen spanischen Choreografen Salva Sanchis entwickelt hat. Der scheinbar endlose Fluss des Wartens auf das Ende des Regens, das der Raga besingt, wird immer wieder eruptiv durchbrochen. Keersmaeker verzichtet auf alles Anekdotische und erreicht gerade dadurch ihr weites Bedeutungsspektrum. Die Farbe Weiß in Kostümen und Raum, gestaltet von dem belgischen Modedesigner Dries Van Noten und dem Bühnenbildner Jan Verswyveld, verbindet die beiden ungleichen Hälften dieses Abends.

Vier ausdrucksstarke, eigenständige Charaktere interpretieren John Coltranes Meisterwerk A Love Supreme. Cynthia Loemij, Moya Michael, Salva Sanchis (der hier auch Kochoreograf ist) und Igor Shyshko verbinden fixierte und improvisierte Sequenzen - so eng, dass sie ineinander aufgehen. Das Tänzerquartett doubelt Coltranes Quartett, und musikalische Linien verwandeln sich direkt in pulsierende Bewegungen. Größere Freiheit in intimer Form verwirklicht Keersmaeker in Desh (the second part of the night). Die Choreografin steht selbst auf der Bühne, gemeinsam mit der einstigen Rosas-Tänzerin Marion Ballester und Salva Sanchis.

Letzterer hat nicht nur sein eigenes Solo choreografiert, sondern auch an jenem von Keersmaeker mitgeschrieben. Erstmals tanzt sie also "fremdes" Material in einem ihrer Stücke. Auch Desh hat indischen Raga und ein östlich inspiriertes Coltrane-Stück als Ausgangspunkte. "Raga", das ist das Sanskritwort für "Stimmung" oder "Farbe", und beides beherrscht Desh. Der Clou ist eine feine erdfarbene Staubschicht auf dem Boden, die von den Füßen der Tänzer zu schimmernden Schleiern aufgewirbelt werden. Ein eröffnendes Duett stellt das choreografische Vokabular vor, und im weiteren Verlauf improvisieren die drei Tänzer auf dessen Basis und nach einer verabredeten Struktur. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.07.2005)

von Judith Helmer


"Raga For The Rainy Season" im Burgtheater, 19. und 22. 7. "Desh" im Akademietheater, 21. und 23. 7., jeweils 21.00
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