Apollon tanzt mit Véronique und Bach

12. Juli 2005, 12:41
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Das weltberühmte Ballet de l'Opéra National de Paris meldet Anspruch auf einen Platz im Gehege der zeit­ge­nössischen Kunst an

Mit diesem Statement startet ImPulsTanz und bietet einen Monat lang ein reichhaltiges Programm ausgesuchter Gegenwartschoreografien.

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Als das Ballett der Opéra National de Paris zuletzt vor fünf Jahren bei tanz2000.at, einer Kooperation zwischen ImPulsTanz und den Wiener Festwochen, in Wien gastierte, glänzten seine Tänzerinnen und Tänzer in Werken von George Balanchine ebenso wie in Arbeiten von William Forsythe.

Damals ging es darum, die Ästhetiken dieser beiden großen Choreografen miteinander zu konfrontieren. Nun ist die Compagnie, eine der renommiertesten überhaupt, wieder zu Gast bei ImPulsTanz. Ballettdirektorin Brigitte Lefèvre hat ein Programm erarbeitet, das sich schon allein als Sensation erweist, weil sein Kernstück von einem Protagonisten der zeitgenössischen konzeptuellen Choreografie stammt. "Ausgangspunkt war das Stück Véronique Doisneau von Jérôme Bel, das er vergangenen September in unserem Auftrag an der Pariser Oper präsentiert hat", erklärt Lefèvre. Erstmals hatte ein Traditionshaus des klassischen Tanzes einen konzeptuellen Choreografen eingeladen. Lefèvre versteht sich zwar nicht unbedingt als Verfechterin des Konzeptualismus, aber: "Es geht um eine künstlerische Gemeinschaft und nicht darum, mit Vorurteilen zwischen Ballett oder Konzept zu kategorisieren."

Lefèvre leitet das Ballett, an dessen Schule sie ausgebildet wurde, seit einem Jahrzehnt. Keine ganz leichte Aufgabe, bei mehr als 140 Tänzern und zwei zu bespielenden Häusern, sowohl das Palais Garnier als auch die Opéra Bastille, bei bis zu 170 Vorstellungen jährlich und einem Repertoire, das vom Barocktanz bis in die Gegenwart reicht. Das Wiener Gastspiel deutet diese stilistische Spannbreite an. "Véronique Doisneau wurde nach einem festlichen Defilee aller Tänzer, Étoiles und Schüler präsentiert", berichtet Lefèvre. "Der Vorhang fällt, hebt sich wieder, eine zierliche Ballerina betritt die Bühne und erzählt über ihr Leben als Tänzerin hier an der Oper."

Jérôme Bels Titelheldin ist tatsächlich eine Tänzerin aus der Compagnie, die Véronique Doisneau heißt. Ihre Chefin lächelt: "Es gab einiges Aufsehen innerhalb und außerhalb der Oper. Die Reaktionen auf das Stück waren interessant zu beobachten: Es wurde akzeptiert, geliebt, Tränen der Rührung sind geflossen, es wurde aber auch gehasst. Es hat etwas erschüttert und gewisse vorgefertigte Ansichten aus den Angeln gehoben." Um dieses Stück herum gruppiert Lefèvre "einige fundamentale Aspekte des Tanzes an der Pariser Oper: Francine Lancelots Barocktanz, George Balanchines Frühwerk Apollon und Trisha Brown, die ich sehr bewundere. Ihr Stück, O zlozony/O composite mit Musik von Laurie Anderson ist überaus mysteriös und schön."

Mysteriöse Schönheit
Nachsatz: "Brown geht es allerdings nicht um formale Schönheit, sondern um deren Transzendenz." Dem Apollon, der den erst 24-jährigen Balanchine 1928 berühmt gemacht hat, schreibt sie besondere Qualitäten zu: "Ich mag dieses Werk besonders, weil es über die Künste reflektiert. Es erzählt keine Geschichte, spricht aber große Themen an. Der Tanz ist schwierig, formal geometrisierend, aber auch überaus poetisch."

Und die Bach-Suite, die die Barockspezialistin Francine Lancelot einst auf Rudolf Nurejews Tänzerkörper maßgeschneidert hatte, wurde auf Lefèvres Geheiß anlässlich einer Hommage an Rudolf Nurejew zu seinem 10. Todestag von dem Tänzer Kader Belarbi wieder aufgenommen. Dargeboten werden Giguen, Sarabanden, Bourrées, Courantes und Allemandes zur von einem Cellisten live gespielten Suite Nr. 3 von Johann Sebastian Bach. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.07.2005)

von Helmut Ploebst


Ballet de l'Opéra National de Paris im Burgtheater vom 14. bis 16. 7., 20.00
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