Neue Kriegsformen in der "Dritten Welt"

12. Juli 2005, 11:38
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Militärforscher Peter Lock: Von Weltöffen­tlichkeit unbeachtet ändert sich durch "Schattenglobalisierung" die Gestalt der Gewalt

"Die überwiegende Zahl der Staaten hat längst die Kapazitäten verloren, Kriege zu führen, da sich mit dem Ende des Kalten Krieges die Rahmenbedingungen für die Parteien bewaffneter Auseinandersetzungen - vor allem in der 'Dritten Welt' - grundlegend verändert haben". Für den deutschen Wissenschaftler Peter Lock ist die herkömmliche Definition von Krieg als zwischenstaatlicher Konflikt veraltet.

Denn während für die Kriegsökonomien des 20. Jahrhunderts meist eine staatlich gelenkte Mobilisierung der Wirtschaft typisch war, so greifen die Akteure der neuen Kriege auf andere Formen der kriegerischen Reproduktion zurück. Er prognostiziert, dass bewaffnete zwischenstaatliche Kriege im Süden abnehmen, gleichzeitig jedoch bewaffnete Konflikte zunehmen würden, auch wenn letztere durch unsere Anschauung von Krieg nicht mehr als solche wahrgenommen würden. Überwiegend handle es sich bei diesen Konflikten um innerstaatliche, auf vergleichsweise niedrigem militärtechnischen Niveau ausgetragene Auseinandersetzungen, die nicht mit Bürgerkriegen zu vergleichen seien.

Informalisierung

Die Ursache für diesen Wandel der kriegerischen Auseinandersetzung sieht Lock in den Verfehlungen der globalen Wirtschaftspolitik für die Länder der "Dritten Welt", die im Zerfall der staatlichen Strukturen, in steigender Arbeitslosigkeit sowie rasanter Urbanisierung münde. Auch die zunehmend auf Export ausgerichtete Landwirtschaft zerstöre die in wirtschaftlichen Krisen die Überleben sichernde Elastizität des kleinbäuerlichen Produzierens als auch deren gesellschaftliche Kohäsion. Daraus folge der langfristige Trend zur Urbanisierung bei gleichzeitig beschleunigter Informalisierung der Wirtschaft. Allein in den vergangenen zehn Jahren sei die städtische Bevölkerung in der "Dritten Welt" um 36 Prozent gewachsen, rund vier Milliarden Menschen würden dem informellen Sektor zugerechnet.

Informalität bedeute für die davon betroffenen Menschen, dass die klassischen Funktionen des Staates für sie nicht mehr zugänglich seien. Und gerade deswegen könnten sich, so Lock, "alternative Sicherheitsstrukturen" herausbilden, die gerade dann besonders einflussreich und wettbewerbsfähig seien, wenn sie als Träger von Identitätsideologien, wie Ethnizität oder Religion, in Erscheinung treten würden. Als Resultat der Globalisierung, als Schattenglobalisierung, bezeichnet er diese Lebenswelten, die den ausgeschlossenen Teil der Weltbevölkerung repräsentieren.

Krieg oder Friede?

Und in eben dieser Schattenglobalisierung, die sich parallel zur neoliberale regulierten Weltwirtschaft herausgebildet habe, ortet Lock auch die wirtschaftliche Vorraussetzungen dieser neuen kriegerischen Gewalt. Diese äußerst flexiblen und rasch anwachsenden ökonomischen Sphären könnten ohne ihren Zwillingsbruder nicht existieren, sind sie doch von den permanenten Tauschbeziehungen mit der regulären Ökonomie abhängig. Korruption und illegitime Gewalt als Mittel der Regulation wirtschaftlicher Abläufe seien charakteristisch dafür, oft verselbstständige sich das Konfliktgeschehen und sei dann kaum mehr in die politischen oder wirtschaftlichen Zielsetzungen der Akteure eingebunden. Zunehmend würden auch staatliche Führungseliten der "Dritten Welt" auf diese "schattenglobalisierten" Lebenswelten zurückgreifen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Statistiken der Weltgesundheitsorganisation über die Anzahl gewaltbedingter Todesrate weisen darauf hin, dass besonders in den Ländern der "Dritten Welt", jedoch zunehmend auch in den ehemals kommunistischen Ländern Europas, die gewaltbedingten Todesfälle höher oder zumindest gleich hoch sind als in (offiziellen) Kriegsregionen. Für Lock stellt sich daher die Frage, ob angesichts dessen die traditionelle Unterscheidung zwischen Krieg und Abwesenheit eines bewaffneten Konfliktes noch sinnvoll sei. (hag)

  • Zur Person Peter Lock ist Koordinator der European Association for Research on Transformation und freier Sozialwissenschaftler mit den Arbeits- und Forschungsschwerpunkten Militär und Gesellschaft sowie Rüstungsökonomie.
    foto: derstandard.at

    Zur Person
    Peter Lock ist Koordinator der European Association for Research on Transformation und freier Sozialwissenschaftler mit den Arbeits- und Forschungsschwerpunkten Militär und Gesellschaft sowie Rüstungsökonomie.

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    Waffentürme in Ruanda.
    Die ruandesische Regierung unterzeichnete im April 2005 als eine von elf afrikanische Staaten ein Abkommen, das den illegalen Waffenhandel bekämpfen soll.

    Neben den Waffengeschäften ist der Handel mit illegalen Drogen ein Beispiel, wie sich im Schatten der Globalisierung weltweit informelle Sphären entwickeln, die durch Tauschbeziehungen und Transaktionen mit der regulären globalen Ökonomie in Verbindung stehen. Auch ist die Logistik der Neuen Kriege und Munition auf internationale Warenströme angewiesen.

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