Päpstliche Schelte für Harry P.

19. Juli 2005, 21:46
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"Subtile Verführungen" - Weitere News vor dem Verkaufsstart: "Urwaldfreies" Papier und scharfe Geheimniskrämerei

Rom/Seattle/Boston/Wien - Wie erst jetzt bekannt wurde, machte der nunmehr als Papst Benedikt XVI titulierte Joseph Ratzinger schon als Kardinal unmissverständlich klar, wie sehr ihm der gewiefte Zauberlehrling und sein fantastisches, übernatürliches Umfeld ein Dorn im Auge sind. "Es ist gut, dass sie die Menschen in Sachen Harry Potter aufklären, denn dies sind subtile Verführungen, die unmerklich und gerade dadurch tief wirken, und das Christentum in der Seele zersetzen, ehe es überhaupt recht wachsen konnte", heißt es in einem jetzt aufgetauchten Schreiben Ratzingers an die deutsche Potter-Kritikerin Gabriele Kuby aus dem Jahr 2003. "Es gibt wohl kaum einen Zweifel daran, dass er auch als Papst seine Meinung sicher nicht geändert hat", kommentierte die Zeitung "La Repubblica" am Donnerstag.

"Urwaldfreies" Papier

Der am 16. Juli erscheinende sechste Band der Zauber-Saga "Harry Potter and the Half-Blood Prince" wird in Kanada und Großbritannien auf "urwaldfreiem" Papier gedruckt sein. Dafür eingesetzt hat sich die meistverkaufte Autorin der Gegenwart, Joanne K. Rowling höchstpersönlich, teilte die Umweltorganisation Greenpeace in einer Aussendung mit.

Auch die deutsche Übersetzung, die Anfang Oktober im Carlsen Verlag erscheint, wird "ohne Urwaldzerstörung" hergestellt. Die deutschsprachige Ausgabe wird in einer Auflage von zwei Millionen Stück auf einem Papier erscheinen, das aus einer Mischung aus Recyclingfasern und zertifizierten Fasern nach den anerkannten Kriterien des FSC (Forest Stewardship Council) besteht. Der Band wird etwa 600 Seiten umfassen. Der Papierbedarf für die Startauflage beträgt rund 1.500 Tonnen. Alleine für die kanadische Ausgabe wurden damit 28.221 Bäume vor der Motorsäge bewahrt. Schon für die erste Auflage der kanadischen Ausgabe des fünften Harry Potter- Bandes verwendete der Verlag Raincoast Books 1.121.049 kg ausschließlich Recyclingpapier.

Vorgänger überboten

Vier Tage vor Verkaufsbeginn haben bei Amazon.com bereits 1,4 Millionen begeisterte Harry-Potter-Fans den sechsten Band vorbestellt, teilte das Unternehmen am Dienstag in den USA mit. "Harry Potter and the Half-Blood Prince" schlägt damit vor seinem Erscheinen am Samstag seinen Vorgänger, den sich 1,3 Millionen Leser reservieren ließen.

In Rekordzeit wird das sechste Abenteuer des Zauberlehrlings auch in Blindenschrift zu haben sein: Die Braille-Ausgabe wird laut dem amerikanischen Verlag Scholastic drei Tage nach dem offiziellen Verkaufsbeginn in den Handel kommen. Rund 50 Mitarbeiter der National Braille Press in Boston waren in den vergangenen zwei Wochen damit beschäftigt, 800 Braille-Bücher von "Harry Potter and the Half-Blood Prince" fertig zu stellen. Laut Sprecherin Tanya Holton dauert es in der Regel mehrere Monate, bis Bücher auch in Blindenschrift erscheinen. Die Braille-Ausgabe des neuen Harry-Potter-Abenteuers umfasst neun Bände und wiegt rund fünf Kilogramm.

Verplombte Lieferwagen und hohe Strafen

Mit immer schärferer Geheimniskrämerei müssen sich Film- und Musikjournalisten wegen der Angst vor Raubkopien neuer Werke schon länger herumschlagen. CDs werden zum Teil nicht mehr vor dem Erscheinen zugesendet, sondern können nur bei Plattenfirmen-Events angehört werden. Bei Kino-Pressevorführungen werden den Kritikern sogar Handys abgenommen, zuletzt bei "Krieg der Welten" war eine Nachtsichtkamera am Werk, und vor Filmstart durften keine Besprechungen erscheinen. In der Literatur gibt es nur einen, wegen dem ähnlich scharfe Restriktion verhängt werden: Harry Potter.

Nicht einmal Rezensionsexemplare für Literaturkritiker gibt der Verlag vor dem Erscheinen von "Harry Potter and the Half-Blood Prince", dem sechsten Band der Erfolgsserie, am Samstag heraus. Denn die Angst ist groß, dass die Geheimnisse des Halbblutprinzen zu früh die Runde machen. Es gilt strengste Geheimhaltung über Handlung von Harrys sechstem Jahr in Hogwarts, oder selbst über die Maße, die die englische Originalausgabe haben wird. Bekannt ist, dass die Begegnung Potters mit dem Halbblutprinz mit 672 weniger Seiten aufweisen wird als der Vorgänger-Band.

Schweigen oder Gold

Buchdruckunternehmen mussten sich ebenso zum Schweigen verpflichten wie Händler, denen bei frühzeitigem Verkauf drastische Geldstrafen drohen: Selbst wenn nur ein Buch vorab verkauft wird, müssen für jeden beim Verlag bestellten Potter-Band 1.000 Euro Konventionalstrafe bezahlt werden, wurde in Deutschland berichtet. Per Gerichtsbeschluss wurden einige Kanadier zum Schweigen über die Handlung verdonnert, nachdem in einem Geschäft nahe bei Vancouver einige Bände verfrüht verkauft wurden.

Für eine Druckerei in Deutschland, wo ein Teil der englischsprachigen Originalausgabe gedruckt wird, wurden 40 Wachen engagiert. Verplombte Lastwagen, schwarze Folien und Zahlenschlösser sichern die bereits gedruckten Exemplare. Die Bücher werden abseits des normalen Betriebs gedruckt, Mitarbeitern wurde bei Verstoß gegen die Auflagen mit fristloser Entlassung und Schadenersatzforderungen gedroht.

Ein Kinderbuch, das Freude macht ...

Doch ausgerechnet ein Sicherheitsmann einer der Lagerhäuser in England, in denen die Bände auf den Erscheinungstermin warten, soll unter denjenigen Dieben sein, die mehrere Exemplare gestohlen hatten. Die Diebe wurden verhaftet, nachdem sie von einer Zeitung 75.000 Euro für die Bücher verlangt hatten. Auch in diesem Fall haben die Anwälte der Autorin Joanne K. Rowling vor Gericht erwirkt, dass jede Veröffentlichung vor dem Erscheinungstermin unter Strafe gestellt wird.

Die deutschsprachige Ausgabe des sechsten Potter-Bandes erscheint am 1. Oktober. Bisher wurden 21 Millionen Exemplare der ersten fünf in deutscher Sprache erschienenen Bände verkauft. Weltweit waren es rund 300 Millionen Exemplare. Die Bücher wurden bisher in 61 Sprachen übersetzt. Potter-Erfinderin Rowling plant insgesamt sieben Bände. (APA/AP)

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    Skepsis betreffend Harry Potter

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