Schulwechsel

12. Juli 2005, 19:09
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Zwei Mitschüler – und ihre Mitläufer – setzten H.s Sohn und zwei anderen Kindern massiv zu - Frau Direktor beschwichtigte. Das sei doch alles nicht so schlimm ...

Es war einen Tag vor der Zeugnisverteilung. Da hat die Schuldirektorin H. dann gesagt, ihr Lehrinstitut sei nunmehr mit H.s Sohn fertig. Und mit H. natürlich auch: Leute wie H. – und das inkludiere H.s Sohn – brauche eine Schule wie die ihre nicht. Und da es jedermann frei stehe, sein Kind die Schule wechseln zu lassen, werde sie H. da nicht im Wege stehen.

H. hatte sich nämlich beschwert. Immer wieder. Um genau zu sein: seit Oktober. Da war ihr Sohn das erste Mal nach Hause gekommen und hatte davon berichtet, dass ihn zwei Schüler seiner Klasse nicht in Ruhe ließen. Ihn und zwei andere Schüler der ersten Klasse.

Gastritis

Zunächst hatte H. gedacht, die Sache würde sich legen: neue Schule, neue Kameraden – da könne es ja Anfangs zu Reiberein kommen. Nur: Die Reibereien legten sich nicht. Sie wurden zu blauen Flecken, verschwundenen Stiften und Spielsachen, zerrissenen Heften, beschädigten Kleidern und – schlussendlich – zu einer Gastritis. Nicht bei H. – bei ihrem Sohn. Einem Zehnjährigen in der ersten Klasse der Unterstufe. Und die Geschichte war immer gleich: Zwei Mitschüler – und ihre Mitläufer – setzten H.s Sohn und zwei anderen Kindern massiv zu.

H. wandte sich an die Lehrerin. Die war gerade auf Seminar. Frau Direktor beschwichtigte. Das sei doch alles nicht so schlimm. Kinder übertrieben manchmal. Und gerade die Klassenlehrerein von H.s Sohn sei eine Vorzeigepädagogin: Sie halte Vorträge. Und schriebe Bücher. Die wären in der Fachwelt gern gesehen und anerkannt. Alles, versprach die Direktorin, würde deshalb bald besser werden.

Supervision

Aber es wurde nicht besser. Im Gegenteil. Ein paar Wochen später standen H. und die Eltern der beiden anderen gepiesackten Kinder wieder in der Direktion. Die Direktorin bat die Eltern durchzuhalten: Im nächsten Schuljahr gäbe es eine – vom Bezirk bezahlte – psychologische Supervision samt Betreuung. Das bezahle der Bezirk. Da könnten die Kinder hingehen. Alle involvierten Kinder, fragte H.? Nein, sagte die Direktorin: Nur die, deren Eltern das wollen. Und die Eltern der Drangsalierer sähen kein Problem.

In der darauffolgenden Woche nahm eine Mutter eines der drei gemobbten Kinder ihren Sohn von der Schule. H. veranstaltete ein Eltern-Kinder-Picknick. Bis auf die Familien der Mobber kamen alle. In den Wochen darauf waren die blauen Flecken auf Oberkörper und Armen ihres Sohnes dichter und größer.

Karrierepädagogin

H. wandte sich immer wieder an die Klassenlehrerin. Aber die hatte keine Zeit: Sie musste Kurse halten und Bücher schreiben. Und war deshalb meistens auf Seminaren. H.s Frage an die Direktorin, wie die Lehrerin eine Klasse leiten könne, wenn sie keine Zeit für die Kinder habe, brachte das Fass zum Überlaufen: Die Direktorin ließ H. wissen, dass sie es bestimmt nicht zulassen werde, dass eine renitente Mutter die gerade beginnende Karriere einer vielversprechenden Pädagogin gefährde. Und daran, Maßnahmen gegen die beiden ihre Mitschüler quälenden Knaben zu ergreifen, denke sie nicht im Traum: Die Buben kämen aus guten, intakten und angesehenen Familien – was H. als Alleinerzieherin wohl nicht von sich behaupten könne.

Von da an herrschte Funkstille: Die Schule antwortete nicht auf Mails. Auf Anrufe sowieso nicht. Einmal erwischte H. die Direktorin doch: Sie lasse sich, erfuhr H., die Art der Kommunikation mit Eltern nicht vorschreiben. Prinzipiell. Sie antworte nicht auf Mails. Schon gar nicht auf die von H. H. könne ja zur Sprechstunde kommen. Und natürlich sei die während den üblichen Arbeitszeiten – da müsse sich H. eben frei nehmen. Man habe, setzte die Direktorin fort, mittlerweile ein Dossier über H. angelegt. Darin fände sich wenig, was für H. spräche. Und so ein guter Schüler sei H.s Sohn – gerade in letzter Zeit – auch nicht.

Schulwechsel

H. gab auf. Und suchte eine andere Schule. Ihr Sohn lebt auf, seit er weiß, dass er im Herbst nicht mehr im siebten Bezirk unterrichtet werden wird. Auch der andere noch verbliebene gequälte Kamerad wird die Schule wechseln. Daran, erklärte die Direktorin als sie H. das Zeugnis ihre Sohnes in die Hand gab, fände sie nichts Besonderes. Es bestehe freie Mittelschulwahl. Da habe sie sich nicht einzumischen. Das sei alles. Auf Wiedersehen.

Eines fügte die Direktorin dann aber schon noch hinzu, erzählt H.: Darauf, dass H.s Sohn schwarz ist und auch seine beiden Kameraden keine helle Haut haben, dürfe sich H. nicht ausreden. Auch wenn die Kinder behaupten, dass das N-Wort jeden Tag gefallen sei: Rassismus gäbe es nämlich an der Schule nicht. Nicht bei den Schülern. Nicht unter den Eltern. Und schon gar nicht, betonte die Direktorin, unter Pädagogen. Damit, sagt H., sei das Gespräch dann wirklich beendet gewesen.

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