Wehrlos - Albtraum auf Intensivstation

13. Juli 2005, 08:29
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Das Fehlen von Motiven macht das Unbehagen noch mulmiger - Von Michael Simoner

Auf jemanden loszugehen, der nach einer Operation auf der Intensivstation liegt, das gehört wohl zu den erschreckendsten Szenarien, die in einem Albtraum auftauchen können. Die vollkommene Wehrlosigkeit des Opfers, die kaltblütige Gemeinheit des Täters - das war bisher höchstens Gänsehaut erzeugender Kinostoff, zum Beispiel in "Der Pate".

Im Salzburger Unfallkrankenhaus ist der Albtraum jedoch Realität geworden, zwei verletzte Patienten konnten glücklicherweise gerade noch gerettet werden, der Täter wird noch gesucht. Das Motiv ist völlig unklar, die beiden Opfer kennen einander nicht, sie waren zufällig gleichzeitig in Behandlung. Hat der Täter wild drauflos geschlagen? Gerade dieses Fehlen von Zusammenhängen macht das Unbehagen noch mulmiger.

Aber auch wenn der Täter ausgeforscht wird, bleibt die beunruhigende Tatsache, dass es überhaupt möglich war, dass ein (höchstwahrscheinlich) Anstaltsfremder ungehindert in die Intensivstation eines Krankenhauses eindringen konnte. Auch andere Vorfälle, wie zum Beispiel Entführungen von Babys aus der Säuglingsstation, nagen an der Geborgenheit, die Krankenhäuser eigentlich vermitteln sollen.

Was tun also? Sicherheitsschleuse, Röntgenstraße, Blumenstraußkontrolle - verschärfte Zugangsbedingungen liegen auf der Hand. Auch im Bereich der Justiz wurde nach blutigen Vorfällen der freie Zutritt abgeschafft. Wer einen Termin bei Gericht hat, muss am Eingang seine Taschen ausräumen; dito am Flughafen. Doch von Hochsicherheitsspitälern hat niemand etwas, warnen Mediziner. Am allerwenigsten die Patienten, deren Genesung vom Besuch ihrer Lieben positiv beeinflusst werden kann. Es scheint, dass wir mit einem gewissen Restrisiko einfach leben müssen. (Michael Simoner, DER STANDARD-Printausgabe, 12.07.2005)

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