Kolumne: Der Kardinal und der "Affenprozess"

12. Juli 2005, 20:09
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Man kann an ein "Intelligent Design" glauben, aber man kann es nicht beweisen - von Hans Rauscher

Es gibt einen prachtvollen alten Film von Stanley Kramer mit Spencer Tracy, Frederic March und Gene Kelly, der den berühmten "Affenprozess" von 1925 in Dayton, Tennessee, nachzeichnet: Der Lehrer der Kleinstadt kommt vor ein Geschworenengericht, weil er seinen Schülern Darwins "Ursprung der Arten" nahe bringt. Dramatischer Höhepunkt des realen Prozesses wie des Films ist das Kreuzverhör, in dem der rationalistische Aufklärer Clarence Darrow als Verteidiger den fundamentalistischen Politiker (als Vertreter der Anklage) William Jennings Bryan zu dem Eingeständnis zwingt, dass Gott die Welt vielleicht doch nicht in sechs Tagen erschaffen hat (das Protokoll des Kreuzverhörs ist unter www.law.umkc.edu - "famous trials" nachzulesen).

Heute, 80 Jahre später, sind die Fundamentalisten in den USA wieder im Vormarsch. In etlichen Staaten verschwinden Bücher, die die Evolution lehren, aus den Schulbibliotheken. Im Mai dieses Jahres fand eine Anhörung vor der Schulaufsichtsbehörde des Staates Kansas statt, um zu entscheiden, ob die Kinder weiter die "Evolutionstheorie" oder die "Kreationsgewissheit" (Gott hat alles erschaffen) gelehrt werden sollen. Allerdings treten die Verfechter der Schöpfungslehre nicht mehr als plumpe Fundamentalisten auf, die darauf bestehen, dass das Universum vor rund 6000 Jahren in sechs Tagen erschaffen wurde. Sie bedienen sich des neuen Begriffs des "intelligent design", also etwa einer "schöpferischen Absicht". Gott habe das Universum nach einem bestimmten Plan geschaffen. "Intelligent Design (ID) ist ein gemäßigter Kreationismus, der zugesteht, dass die Erde Milliarden Jahre alt und das Leben schrittweise entstanden ist" (Patrick Illinger in der Süddeutschen).

Österreichs Kardinal Schönborn hat sich nun in einem Gastkommentar für die New York Times hinter die "Philosophie" vom Intelligent Design gestellt. Warum auch nicht? Wenn das Christentum nicht davon ausgeht, dass es einen Gott gibt, der das Universum in einem Schöpfungsplan entworfen hat, dann verschwindet ein zentraler Glaubensinhalt. Aber das ist das Schlüsselwort: Glaubensinhalt. Man kann an ein "Intelligent Design" glauben, man kann es sogar mit der Evolutionstheorie in Einklang bringen - Gott hat eben den Weg der Evolution gewählt -, aber man kann es nicht beweisen.

Der österreichische Kardinal wird nicht versuchen, die Evolution aus den Lehrplänen zu vertreiben. Denkbar ist, dass er "Intelligent Design" als gleichberechtigen Lehrstoff aufgenommen wissen will. Sein Vorstoß in der New York Times, den er mit dem Papst abgesprochen hat, ist eindeutig Teil eines neuen, selbstbewussteren Auftretens der Kirche. Sie mischt sich in die aktuelle Politik ein (beim italienischen Referendum über In-vitro-Befruchtung); sie möchte aber auch die intellektuelle Meinungsvorherrschaft wiedergewinnen. Der Papst und sein Vertrauter Schönborn sind Intellektuelle, die aus der geistigen Defensivposition der Kirche herauskommen wollen. Benedikt XVI. sprach das Thema schon bei seiner allerersten Rede an: "Wir sind nicht das zufällige, sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist die Frucht eines Gedanken Gottes."

Schönborn führt überdies den Begriff der "Vernunft" in die Welt des Glaubens ein: Nur durch die Vernunft allein kann die Menschheit die Realität Gottes erkennen, verweist er auf das Erste Vatikanum 1869/70 - zu einer Zeit, als das Papsttum ein aussichtsloses Rückzugsgefecht gegen den Vormarsch der Wissenschaft führte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 7. 2005)

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