Musiktheater des Begehrens

15. Juli 2005, 22:23
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Eröffnung der Sommer­festivals in Frankreich: In Aix-en-Provence sieht man Mozarts "Così fan tutte" klassisch inszeniert von Patrice Chéreau

In Avignon enttäuschte Jan Fabre mit seiner "Geschichte der Tränen".


Aix/Avignon - Mit hohen Erwartungen begannen die beiden bedeutendsten französischen Sommerfestivals in Aix-en-Provence und Avignon. Während Avignon im Hofe des Papstpalastes vor rund 2000 Zuschauern mit dem belgischen Star Jan Fabre aufwartete, startete in Aix Leiter Stéphane Lissner (auch Wiener-Festwochen-Musikdirektor und Generalintendant der Mailänder Scala) sein Opernprogramm mit der Brüssel-Übernahme von Philippe Boesmans und Luc Bondys Oper Julie. Erst am Samstag bekamen 700 Auserwählte die Premiere von Mozarts Così fan tutte (2006 bei den Festwochen) in der Regie von Patrice Chéreau und mit Dirigent Daniel Harding präsentiert.

"Così ist schon vor der Premiere eine Kultinszenierung", kündigte der koproduzierende Pariser Staatsoperndirektor Gerard Mortier an. Chéreau, der seit seinem Salzburger Don Giovanni (1994) keine Opernregie übernahm, legt eine melancholische, in sich ruhende, durchdachte und lebensnahe Regiearbeit vor. Eine durch ihren fast klassisch wirkenden Charakter als Reife-, um nicht zu sagen als Alterswerk zu klassifizierende Bühnenrealisierung, aber ohne den Biss der früheren Jahre.

Chéreaus Werkanalyse dieser "Oper des Begehrens" zeigt die real mögliche, gleichzeitige "Vielfalt des Verlangens" auf - mit der Weisheit des 61-jährigen Regisseurs. Die Libido und die Leichtfertigkeit fegten bei Da Ponte und Mozart das moralische Prinzip der Treue mit einem aufklärerischen Besen hinweg. Der Antikonformist Chéreau, der sich sicher dem zynische Fäden ziehenden Philosophen Don Alfonso (Ruggero Raimondi) verwandt fühlt, steht (vielleicht zu sehr) über der tragikomischen Dramatik der Oper, deren Komik er weit gehend eliminiert.

Er zeigt uns Parallelen zu Marivaux und Shakespeare, zu deren Beziehungsgeflechten und Verkleidungslösungen. Wer wirklich von wem an der Nase herumgeführt wird, diese Frage lässt er bewusst offen, indem er am Schluss die Protagonisten alleine stehen lässt. In einem von Richard Peduzzi gebauten Hinterhof, wo Leitern, Stricke und Hängebalkone auf die Hafenstadt Neapel hinweisen und die rote Aufschrift an der Frontwand, "Vietato fumare", die Doppelbotschaft des italienischen Ortes und des Aixer Rauchverbots verkündet, malt Chéreau bewegte Bilder.

Farbliche Details

Die Kostüme der Zeit sind farblich bis ins Detail für die Wechselbeziehungen durchdacht. Fiordiligi (die in den Höhen etwas schwache Erin Wall) in rostrotem Kleid, Dorabella (Elina Garanca mit ihrem wunderbaren Mezzosopran) in einem türkisfarbenen, das Kammermädchen Despina (Barbara Bonney mit jugendlicher Frische) in Weiß, bei den Herren Don Alfonso mit dunkelrotem Überrock, die stimmlich wunderbaren Guglielmo (Stéphane Degout) und Ferrando (Shawn Mathey) respektive grün und grau und mit Mozartzopf.

Als albanische Liebhaber sind sie in indische gelbe bzw. grüne Seidenbekleidung gehüllt und durch Turbane unkenntlich gemacht. Wunderbare Momente sind die volkstanzähnlichen Menschenketten, die die Sänger zu dritt, viert oder fünft bilden. Nichtsdestotrotz: Die Langeweile, im zweiten Akt werkimmanent, gewinnt allmählich die Oberhand - was durch die von Harding verlangsamten Tempi und das Mahler Chamber Orchestra unterstrichen wird.

Ganz und gar nicht provokant, wie sonst so oft, ist die Neuproduktion Histoire des larmes (Geschichte der Tränen) des diesjährigen Avignon-Stars Jan Fabre. Nach dem Skandal, den er mit den drei gleichzeitig Pipi machenden Damen 2004 im Pariser Théâtre de la Ville auslöste, verfasste Jan Fabre, Multitalent der Choreografie und der bildenden Kunst, einen Text, der das programmatische Gerüst seiner Tränengeschichte darstellt. Fabre, immer gegen die bildungsbürgerliche Sensibilität und deren Konventionen angehend, was häufig zu heftigen (begeisterten oder ablehnenden) Reaktionen führt, verkündet die Szenenberechtigung der menschlichen Ausscheidungen: Urin, Schweiß, Tränen. Spermien und Masturbation spart er diesmal aus. Aber sein Text sprechender "Ritter der Verzweiflung" ist zum Verzweifeln, seine "Tränengeschichte" zum Weinen - ob des Mangels an dramaturgischer Inspiration.

Der Bildhauer Fabre zeigt - visuell perfekte Menschenskulpturen, schöne Fotos. Eine eventuelle Aussage, eine Rechtfertigung, warum er das (leider durch den wehenden Mistral frierende) Publikum zwei Stunden lang mit seinen herumhüpfenden "Performern" konfrontiert, bleibt Fabre schuldig.

Das Herumkraxeln

Er nützt auch die Größe des Papstpalastes und die drei Dimensionen des immensen Raumes nicht, wenn man von ein paar Leitern absieht, auf denen die "Performer" herumkraxeln oder gegen die sie mit den Stäben klopfen, mit denen sie sonst auf Trommeln schlagen. Ein Debakel zum Auftakt des Avignon-Festivals also - das nur durch eine strategisch wohl durchdachte Aktion der "Intermittents", der Teilzeit arbeitenden Bühnenarbeiter und Schauspieler, belebt wurde. Sie verhinderten eine halbe Stunde lang den Beginn der Vorstellung und forderten den Kulturminister zum Verlassen des Ortes auf, da er ihre Forderungen noch immer nicht erfüllt hat.

Fabre kann dem von ihm sicher negierten lieben Gott danken, dass ihm eine Ausstellung in Avignon gewidmet ist, die sein Genie würdigt. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.07.2005)

Von Olga Grimm-Weissert

ARTE sendet Mozarts "Così fan tutte" am 23. 7. um 20.45

Festival Avignon Festival Aix-en-Provence
  • Mozarts "Così fan tutte": Das Spiel mit den Herzen wird in Aix-en- 
Provence von Regisseur Patrice Chéreau zumindest optisch eher altmodisch angelegt. Die Produktion kommt 2006 zu den Wiener Festwochen.
    foto: aix

    Mozarts "Così fan tutte": Das Spiel mit den Herzen wird in Aix-en- Provence von Regisseur Patrice Chéreau zumindest optisch eher altmodisch angelegt. Die Produktion kommt 2006 zu den Wiener Festwochen.

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