Und noch ein Liedchen für Mutti ...

11. Juli 2005, 19:37
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Sänger und Pianist Jamie Cullum beim Jazzfest Wien im Arkadenhof des Rathauses

Wien - Es ist verrückt. Junge Typen wie Jamie Cullum, Peter Cincotti und Michael Bublé singen in einem Alter, da man mit seinen Eltern zwecks Selbstfindung nicht viel anfangen können sollte, für ihre Alten und ihre reiferen Geschwister Songs der Großväter, die sich an eine Zeit erinnern können, als Sinatra noch kein Toupet trug.

Selbst wenn man sich bezüglich der Innovations- und Protestmöglichkeiten von Rock und Pop keinen großen Illusionen mehr hingibt - zu viel Schule sollte das nicht machen. So viel Retrofleiß erscheint seltsam. Auch wenn er - wie im Fall von Cullum - im T-Shirt, in Turnschuhen und poppigem Gehabe daherkommt. Jamie fusioniert das Rüpelhafte mit dem Kuscheligen, lässt die Leute singen, steigt aufs Klavier. Andererseits quittiert er, dem die Herzen auch in Form von Damenunterwäsche entgegenfliegen, spontane Liebeserklärungen mit einem "Danke, Mutter!".

In Summe ergibt das einen sehr passablen, quirligen Entertainer, der von Twentysomething (Universal) eine Million Stück abgesetzt hat und in einer Boygroup die Rolle des schlimmen Buben besetzen könnte, der dem Klassenvorstand zum Schulschluss doch gerne Blumen schenkt und für die ganze Schule vielleicht Singin' In The Rain gibt.

Auch das macht Jamie sehr passabel - auch wenn viele Songs, die er singt, mindestens doppelt so alt sind wie er und es schwer zu verdrängende, für Jamie unerreichbare Referenzaufnahmen der Lieder gibt, die von Menschen stammen, die mindestens doppelt so alt sind wie er - also 50. Obwohl er also vor allem neues Jazz-Design darstellt, gewissermaßen den Max-Raabe-Schmäh auf globalem Niveau, ist Jamie ein sehr begabter Junge, dem man das Finden einer Identität zutraut.

Vielleicht wechselt er in den Pop und macht Robbie Konkurrenz. Vielleicht wird er, wenn er aus der Mode gekommen ist, ein ganz normaler Jazzmusiker. Vielleicht schreibt er aber auch ein paar unsterbliche Songs. Dann kann, so etwa in 30 Jahren, ein nächster Jungspund an eine Zeit erinnern, als Jamie Cullum noch kein Toupet trug. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.07.2005)

Von Ljubisa Tosic
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    Jamie Cullum, der sympathische Retrojazzer aus England, erinnert an eine Zeit, als er selbst noch nicht auf der Welt war.

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